Der Kappzaum – heißes Eisen oder sanftes Wundermittel?

Kappzaum

Ausbildung | Kristina Conrädel / Stephanie Sieckmann 

Er ist schlicht konstruiert wie ein Halfter und dabei variabler als jedes Gebiss. Schon die alten Meister wie Baucher und Steinbrecht verwendeten ihn. Heute ist der Kappzaum vor allem als Hilfsmittel beim Anlongieren junger Pferde bekannt. Das auf den Nasenrücken einwirkende Eisen dieser Zäumung schreckt jedoch auch viele Reiter ab. Besonders die spanische Variante des Kappzaums, Serreta genannt, wird von einigen als unangemessen scharfes Hilfsmittel eingeschätzt. Grund genug die Arbeit mit dem Kappzaum unter die Lupe zu nehmen.

 

 

Egal um welche Variante dieses Zaums es sich handelt, der Kappzaum ist eine gebisslose Zäumung, die es ermöglicht ein Pferd zu arbeiten ohne es im empfindlichen Maul zu stören. Der elementare Bestandteil eines Kappzaums ist das je nach Modell geformte Naseneisen mit unterschiedlichen Polsterungen. Auf diesem Nasenstück sitzen die drei charakteristischen Ringe zum Einschnallen der Longe oder der Zügel, über die auf die Nase des Pferdes eingewirkt werden kann. So weit so gut. Das Kernstück des Kappzaums - das unter dem Leder verborgene Eisen - entscheidet durch seine Form und seine Beschaffenheit über die Wirkung des Kappzaums. Je schärfer das Eisen, desto feiner muss die Einwirkung ausgeführt werden. Durchgehende Eisenstücke wirken anders als eine eingelegte Fahrradkette. Die am weitesten verbreitete Variante des Kappzaums ist aus Leder. Neuerdings gibt es jedoch auch Modelle die aus Nylon gefertigt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Welche Möglichkeiten bietet der Kappzaum?

In der Reitsport-Berichterstattung sind immer wieder Bilder von aufgerollten und unzufriedenen Pferden zu sehen. Entgegen dieser Entwicklung gibt es viele Reiter, die ihren vierbeinigen Partner bewusst korrekt und gesund ausbilden wollen. Eine Rückkehr zur Zwanglosigkeit wird zunehmend wichtiger. Genau an dieser Stelle kommt der Kappzaum ins Spiel. Er ist vielseitig einsetzbar und bereichert die Bodenarbeit, das Longieren und die Korrektur. Richtig angewendet ermöglicht er es, ein Pferd zu gymnastizieren und gezielt zu trainieren. Die Betonung liegt dabei auf dem kleinen Wort „richtig“. Wenn unerfahrene oder unsensible Hände zu grob auf ein scharfes Naseneisen einwirken, kann der Kappzaum schlimmstenfalls sogar Verletzungen hervorrufen. Bei der Verwendung dieses Zaums gilt deshalb unbedingt: gewusst wie! Auch wenn die gebräuchlichsten Modelle, die in Deutschland auf dem Markt sind, mit flachen Eisen oder Fahrradketten ausgerüstet und sehr gut gepolstert sind, lautet daher der Rat: Wer sich bei der Arbeit mit dem Kappzaum unsicher ist, sollte sich bei einem Seminar entsprechende Fachkenntnisse aneignen.

 

Zäumung mit Tradition

Dank wissenschaftlicher Studien ist heute bekannt, dass Pferde im Maul nur wenig Platz haben (was die Dicke eines Gebisses betrifft) und für viele Tiere deshalb nur schwer das individuell passende Gebiss zu finden ist. Der Kappzaum umgeht dieses Problem. Baucher zum Beispiel verwendete den Kappzaum deshalb beim Einreiten: Ein Helfer hielt das Pferd mit der Longe am Kappzaum, während der Reiter das erste Mal aufstieg und erste Runden an der Longe drehte. Baucher ließ den Reiter zwar die Zügel halten, legte aber Wert darauf, dass die Einwirkung ausschließlich über die am Kappzaum eingeschnallte Longe erfolgte. Vorteil war, dass man das Pferd kontrollieren konnte ohne es durch Schmerz im Maul zu irritieren.
Der französische Reitmeister Salomon de la Broue hat bereits im 16. Jahrhundert seine Pferde mit einem Kappzaum longiert. Und auch Gustav Steinbrecht favorisierte bei der Ausbildung des jungen Pferdes den Kappzaum. Er regte die Pferde bei der Arbeit an der Longe mit einem weich gepolsterten Kappzaum zu vermehrter Längsbiegung und Dehnung an. Sogar für die Arbeit an den Pilaren zäumten die alten Meister ihre Pferde zur Schonung des Mauls mit einem Kappzaum.

 

Nase, Genick und Rücken – alles hängt zusammen

Heute ist die Arbeit an der Longe die beliebteste Einsatzmöglichkeit für den Kappzaum. Dabei bietet die richtige Technik den Vorteil, dass gezielt auf das Gangverhalten eingewirkt werden kann. Der Kappzaum wirkt bei seitlicher Einwirkung über die Nase und deren Verbindungsmuskulatur zum Genick auf die äußere Muskelkette des Pferdes ein. So kann der Longeur indirekt über die Nackenmuskeln auf die Rückenmuskeln des Pferdes einwirken. Richtig angewendet kann man so die Längsbiegung des Pferdes verbessern – die innere Hüfte kann weiter nach innen und vorne gebracht werden. Über die korrekte Längsbiegung schließlich erreicht man die für die Losgelassenheit wichtigen Muskelgruppen und fördert somit auch die Rückentätigkeit.
Die Arbeit ermöglicht es ebenfalls, die natürliche Schiefe des Pferdes zu korrigieren. Insgesamt kann das Longieren mit dem Kappzaum deshalb helfen, das Pferd in Losgelassenheit, Balance und Selbsthaltung zu fördern. Dabei ist es nicht notwendig das Pferd zusätzlich mit Hilfszügel auszubinden. Diese starre Verbindung, die das Pferd in eine Form presst, ist bei der Arbeit mit dem Kappzaum vielmehr von Nachteil. In der Praxis arbeitet man zu Beginn häufig mit Dehn- und Stellungsübungen sowie Einheiten zur Kontrolle der Schulter, um das Pferd zu gymnastizieren. Derartige Übungen tragen auch zur gezielten, verbesserten Aktivierung der Hinterhand bei. Weiterführend wird später an Balance und Rückentätigkeit gearbeitet. Die Hilfengebung erfolgt beim Longieren mit dem Kappzaum vorrangig über ein sanftes Annehmen und Nachgeben.

 

Bodenarbeit einmal anders

Ein weiteres Einsatzfeld für den Kappzaum ist die Arbeit an der Hand. Auch hier ermöglicht der Kappzaum feines und differenziertes Arbeiten ohne das Pferd im Maul abzustumpfen. Sogar Übungen mit vermehrter Stellung und Biegung sind problemlos möglich. Zu Beginn kann das Pferd im Stand gebogen und die Nachgiebigkeit des Genicks überprüft werden. Darauf aufbauend wird das Pferd mit leichter Stellung im Hals auf einem Kreisbogen geführt, wobei man die Hinterhand leicht übertreten lässt. Eine Übung für Fortgeschrittene wäre zum Beispiel das Schulterherein, welches Hals, Rücken und die Hinterhand lockert. Im weiteren Verlauf der Ausbildung hat sich der Kappzaum auch beim Anpiaffieren an der Hand bewährt, da hier eine Störung im Maul das Pferd schnell aus dem Takt bringt, der Trainer aber Einwirkung benötigt, um den Vorwärtsimpuls zu kontrollieren. Das Gleiche gilt für die Erarbeitung von Schulsprüngen und die Arbeit an den Pilaren.

 

Reiten mit dem Kappzaum - geht das?

Der Kappzaum bietet jedoch noch weitaus mehr Einsatzmöglichkeiten. Auch die Arbeit unter dem Sattel wird durch seinen Einsatz bereichert. In der Regel wird dabei die doppelte Zügelführung eingesetzt. Ein Zügelende ist in die eingelegte Trense eingeschnallt und das andere in den seitlichen Ring des Kappzaumes. So gewöhnt sich ein junges Pferd an das Gebiss, wird aber noch wie gewohnt am Kappzaum geführt. Alternativ kann das Pferd auch ausschließlich auf dem Kappzaum geritten werden. Hierfür werden die Zügel in die seitlichen Ringe eingeschnallt. Diese Art des Reitens ist für junge oder ungeschulte Pferde vorteilhaft, da sehr gut eingewirkt werden kann, das Pferd aber nicht durch das Gebiss an der Losgelassenheit gehindert wird. Auch besonders sensible Pferde profitieren davon und zeigen sich losgelassener. Einige Ausbilder der klassischen Reitkunst setzen den Kappzaum gerne auch bei routinierteren Pferden ein, damit der Reitschüler eine feinere Impulsgebung verinnerlicht und das Pferd bei der Erarbeitung neuer Lektionen oder in der Phase einer Umgewöhnung nicht im Maul irritiert wird.

 

Hilfe bei Korrekturpferden

Korrekturarbeit stellt ein weiteres Aufgabenfeld dar. Der Kappzaum eignet sich dabei aufgrund des fehlenden Gebisses für die Schulung von Pferden, die im Maul abgestumpft sind oder das Gebiss nicht akzeptieren. Pferden, die durch schlechte Erfahrungen dazu neigen unter dem Sattel große Spannung aufzubauen, kann Longenarbeit mit dem Kappzaum dazu verhelfen wieder zu mehr Losgelassenheit zu finden und die Rückenmuskeln wieder aktiv zu benutzen. Ein weiterer wichtiger Grund für den Einsatz eines Kappzaums sind gesundheitliche Einschränkungen. Pferde mit einer Nickelallergie oder solche mit Zahnproblemen, wie junge Tiere im Zahnwechsel können mit dem Kappzaum hervorragend gearbeitet und geritten werden.

 

Passform und Anpassen

Damit die Arbeit mit dem Kappzaum optimale Wirkung zeigen kann, ist es wichtig auf besten Sitz des Zaums zu achten. Das Naseneisen sollte zwei Finger breit unter dem Jochbein liegen, ähnlich wie das englische Reithalfter. Es darf nicht so verschnallt werden, dass es auf den beweglichen Knorpel der Nase rutscht. Generell wirkt der Kappzaum umso schärfer je tiefer er liegt. Der Nasenriemen muss fest sitzen, so dass der Kappzaum nicht verrutschen kann. Doch Achtung! Das Pferd sollte noch gut kauen können. Weiterhin darf das Genickstück - wie bei gut sitzenden Trensen und Kandaren - nicht an den empfindlichen Ohren drücken. Der Stirnriemen muss locker sitzen. Bei den meisten Modellen kann man ihn auch ganz entfernen, da er keinen Nutzen hat. Der Ganaschenriemen wird stets vor dem Nasenriemen geschlossen. Er verhindert ein Verrutschen in Richtung der Augen.

Kristina Conrädel / Stephanie Sieckmann

 

 

Klassiker und Neuauflagen- Was unterscheidet die verschiedenen Modelle?

Es gibt inzwischen eine Vielzahl verschiedener Modelle auf dem Markt, die sich deutlich in Wirkung und Schärfe unterscheiden. Hier sind einige Modelle mit ihren Vorzügen und Nachteilen:

Serreta

Die spanische Serreta ist eine der bekanntesten Formen des Kappzaums. Dies ist die klassische iberische Zäumung aus einem dünn mit Leder gepolsterten Stahlbügel. Dieser Bügel kann zusätzlich kleine ins Metall geschliffene Zähnchen an der Innenseite haben, die sich bei Zug in den empfindlichen Nasenrücken des Pferdes drücken. Die Serreta hat den Vorteil nicht so leicht am Kopf zu verrutschen. Sie wirkt allerdings sehr scharf und gehört daher in erfahrene Hände. Sie ist die „Kandare“ unter den Kappzäumen und kann in unerfahrenen Händen recht schnell zu Verletzungen der Pferdenase führen.

Cavecon

Das Cavecon ist französischer Herkunft und besteht aus einer durch einen Lederschlauch geführten Kette als Nasenteil. Häufig wird dafür eine Fahrradkette verwendet. Diese Konstruktion passt sich sehr gut an verschiedene Pferdeköpfe an. Bei Pferden mit konkaver Nasenlinie neigt die Kette jedoch durch das recht schwere Gewicht dazu ein wenig nach unten zu rutschen. Die Arbeit an der Longe wird dann etwas erschwert. Dagegen zeigt sich dieser Kappzaum prädestiniert für die Bodenarbeit. Viele Ausbilder schätzen das Cavecon wegen der feinen Einwirkung und der guten Anpassungsfähigkeit an verschiedene Pferdeköpfe. In unerfahrenen Händen kann das Cavecon allerdings auch schnell scharf einwirken.

Deutscher Kappzaum

Der deutsche Kappzaum wird auch schwerer Kappzaum genannt. Im Vergleich mit der Serreta und dem Cavecon sind alle Riemen wesentlich breiter. Er hat ein sehr dick gepolstertes Naseneisen und muss fest verschnallt werden, damit er nicht verrutscht. Meist wird der Nasenriemen wie ein schwedisches Reithalfter befestigt. Durch die dicke Polsterung kann die Einwirkung bei diesem Modell mitunter schwammig sein. Dieses Modell eignet sich am besten für die Kappzaum-Anfänger. Mit ihm lassen sich gut junge Pferde anlongieren.

 

Neben diesen weit verbreiteten Klassikern gibt es zahlreiche andere Modelle. Unter anderem den Wiener Kappzaum oder auch das Pluvinel. Nach dem bekanntem Reitmeister benannt, handelt es sich hier um eine sanfte Zäumung, die aus einem schmalen rein ledernen Nasenriemen besteht, und ohne Naseneisen auskommt. Sie eignet sich für viele Einsatzgebiete. Allerdings sollte man unbedingt auf eine gute Passform und korrekte Verschnallung achten, da er während der Arbeit leicht am Pferdekopf verrutscht.


 

  • Fazit
    Alle Kappzaum-Modelle haben gemeinsam, dass man sorgfältig auf eine gute Passform und eine korrekte Verschnallung achten muss. Neigt ein Kappzaum zum Verrutschen, wird ein korrektes Arbeiten unmöglich. Bei der Auswahl des Kappzaums ist es wichtig darauf zu achten, dass das Modell mit der Sensibilität des Pferdes harmoniert, denn ein sensibles Pferd kann durch eine zu heftige Einwirkung schnell verunsichert werden. Auf der anderen Seite gibt es auch träge Pferde, die besser mit einem etwas schärferen Modell zur Mitarbeit zu bewegen sind. Grundlegend sollte man sein eigenes Können gut hinterfragen und im Zweifel ein weniger scharfes Modell wählen, um das Pferd nicht zu verunsichern oder gar zu verletzen. Wer sich unsicher ist, kann mit Hilfe eines professionell geleiteten Lehrgangs den korrekten Umgang mit dem Kappzaum erlernen und dabei unter Anleitung das richtige Kappzaum-Modell für sich und sein Pferd finden.

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