Junge Pferde sanft anreiten – mit Körperspannung

Jutta Judy Bonstedt-Kloehn mit einem jungen PferdJutta Judy Bonstedt-Kloehn mit einem ihrer Sproesslinge

 

Ausbildung | Jutta Judy Bonstedt-Kloehn 

 

Das Anreiten junger Pferde ist eine große Herausforderung. Ziel ist es, die Pferde an die Arbeit unter dem Sattel zu gewöhnen und ihnen dabei zu helfen, Takt, Losgelassenheit und Anlehnung zu entwickeln. Wer auf die perfekte Körperspannung des Reiters setzt, kann auf besonders sanftem Weg ein Pferd mit dem Gerittenwerden vertraut machen.

Es ist soweit: Das Jungpferd soll angeritten werden. Hier wird der weitere Verlauf eines Pferdes und seiner zukünftigen Nutzung so wesentlich geprägt, dass der Ausbilder gar nicht vorsichtig genug vorgehen kann. In der Praxis sieht dies leider oft ganz anders aus: Sei es aus Zeitdruck, weil es viele Pferde anzureiten gibt in professionellen Ausbildungsbetrieben, oder auch aus Unwissenheit und Erfahrungsmangel, welche oft (aber nicht ausschließlich) beim privaten Pferdehalter vorkommen.

Wer anstrebt, Pferde später mit den allerfeinsten Hilfen zu reiten, sollte sich die Meister der alten klassischen Reitkunst als Vorbild nehmen. Insbesondere François Robichon de la Guérinière ist in diesem Zusammenhang ein Quell wertvoller Hinweise. Sein Grundsatz alles Rohe und Künstliche kompromisslos zu verwerfen, ist bei der Ausbildung des jungen Pferdes ein Prinzip, das unbedingt verfolgt werden sollte. Das Ziel, das es beim Anreiten aller Pferde zu verfolgen gilt, war und ist immer, das Pferd später bei höchster Versammlung am losen Zügel arbeiten zu können. Wie erreichen wir diese Feinheit?

 

Häufige Fehler

Schauen wir zunächst einmal, wie junge Pferde häufig an das Reiten gewöhnt werden. Hier zeigt sich schnell ein Bild, das – wird es logisch hinterfragt – deutlich macht: So erreichen wir die Feinheit nicht. Es kann nicht richtig sein, dass Jungpferde auf dem Longierzirkel herumgehetzt werden, und hier Runde um Runde drehen. Kaum an den Sattel gewöhnt, werden sie mit Ausbindern bestückt, damit sie so den Einfluss der Trense im Maul kennenlernen. Ein sinnvolles Vorgehen? Wohl kaum! Dies sind nur zwei Elemente, zwei Maßnahmen – und bereits damit kann alles verdorben werden. Wird die Longe im äußeren Trensenring eingeschnallt, gibt jeder Zug, den man nun auf sie ausübt, einen gewaltigen Impuls an das empfindliche, hochsensible und noch unverdorbene junge Pferdemaul ab. Ein paar Wochen am Stück in dieser Weise trainiert – und schon ist das Pferdemaul stumpf. Wie sollen da feine Impulse möglich werden? Wie wollen wir dieses Pferd mit feinsten Hilfen reiten?

 

Unangemessene Hilfen – zerstörerische Wirkung

Ein zweiter Punkt: Das Pferd lernt die Schenkelhilfe häufig als Hackenpumpen kennen. Oft werden schon beim Anreiten Sporen benutzt. Und schon ist eine weitere Hilfe in ihrer Zweckmäßigkeit zunichte gemacht. Sitzt der Reiter nun oben auf dem Jungpferd, werden die Zügel angenommen, um dem Pferd angeblich eine helfende Stütze zu sein. Hier wird als Anlehnung bezeichnet, was die meisten oft falsch verstehen. Heißt es, dass das Pferd, wenn wir die Zügel nicht in ständiger Anlehnung halten würden, nicht alleine laufen könnte?

Unter solchen Umständen wird jedem Pferd jegliche Anmut, Leichtigkeit und Eleganz genommen. Die meisten Pferde, die so angeritten werden, sind bereits in kürzester Zeit fest im Maul, verwerfen sich oft im Genick, bekommen chronische Muskelverspannungen oder schlagen gar mit dem Kopf, um sich gegen die Reiterhand zu wehren.

 

Ein anderer Ansatz

Wie im Buch „Klassische und iberische Reitkunst“ erwähnt, gilt es äußerst umsichtig mit dem jungen Pferd vorzugehen: „Wenn wir uns schon erlauben, Pferden ein Gebiss ins Maul zu schieben, diese sich das auch noch gefallen lassen, sollten wir so ehrfurchtsvoll und fein damit umgehen wie möglich“. Es gilt jegliche Gewalt beim Anreiten eines Jungpferdes zu unterlassen. Wird beim Anreiten ein lederummanteltes Serreton benutzt (welches aber unbedingt in die Hand des Könners gehört) oder ein Kappzaum, können feine Impulse auf den Nasenrücken des Pferdes übertragen werden, anstatt das Maul zu belasten. Hat das Pferd zunächst einmal gelernt, den Reiter auf seinem Rücken zu tragen und kann es sich bereits gut ausbalancieren, kann dazu übergegangen werden mit der Kombination von Wassertrense und Serreton (oder auch Kappzaum) zu arbeiten. Ganz besonders praktisch ist der Wiener Kappzaum, der auch gleichzeitig eine Trenseneinschnallung ermöglicht. So hat man gleich alles in einem und muss nicht zwei verschiedene Kopfstücke auf einmal am Pferdekopf befestigen. Kappzäume aus Nylon sind relativ ungeeignet. Sie verursachen ein rasches Schwitzen unter diesem Material und neigen leicht zum Verrutschen. Zu bevorzugen sind Ausführungen aus weichem Leder.

 

Fein und leise

Beim Reiten werden nun die Trensenzügel durchhängend in der Hand gehalten, und lediglich die Zügel des Serretons oder des Kappzaumes werden anfangs benutzt. Dies jedoch nur dann, wenn es wirklich sein muss. Ist es angebracht, werden feine Impulse gegeben. Je besser die Vorarbeit an der Longe war, bei der das Pferd gelernt haben sollte, auf feinste Stimmsignale zu achten, umso weniger werden wir überhaupt die Zügel einsetzen. Vielmehr arbeiten wir abgesehen von unserer Stimme mit Gewichtshilfen und feinster Körperdurchspannung.

 

Was ist Körperdurchspannung?

Die Feinmotorik des Reiterkörpers ist der entscheidende Punkt beim Anreiten junger Pferde. Für das Training und die Schulung eines bereits gerittenen Pferdes von Vorteil ist die feinmotorisch abgestimmte Körperspannung des Reiters ein maßgeblicher Faktor, der das Anreiten des jungen Pferdes und die ersten Ausbildungsschritte mit feinsten Hilfen ermöglicht.

Eine perfekte Muskeldurchspannung erreicht man, indem man trainiert, die Muskulatur folgendermaßen durchzuspannen, und zwar immer dann, wenn die Hinterhand des Pferdes untertritt: Zuerst spannt der Reiter die Fußsohlen-Muskeln an, dann die Waden, die Muskeln der äußeren Oberschenkel-Muskulatur, die Bänder in der Innenseite der Knie. Danach geht die Spannung fließend nach oben weiter durch die Po- und Lendenmuskulatur, den Trapezmuskel, den Nacken, und am Ende wird noch das Brustbein hochgezogen. Gleichzeitig umschließt der Reiter das Pferd wie bei einer Umarmung mit den Oberschenkeln und den Waden. Sobald die Vorderhand vorgreift, wird die Spannung wieder unterlassen. Maßgeblich ist dabei die richtige Technik, keineswegs eine kraftvolle Umsetzung. Hat der Reiter den Bogen raus und kann er die Muskeldurchspannung im steten Wechsel mit der Lockerung bei gleichzeitig locker von hinten nach vorn mitschwingender Hüfte umsetzen, kann er einem jungen Pferd beim Anreiten ein sanftes und angenehmes Training bieten.

 

Junge Pferde – ein Fall für erfahrene Reiter

Wünschenswert ist es, dass nur ein wirklich guter, erfahrener Reiter - mit entsprechend geschulter Feinmotorik - ein Jungpferd anreiten sollte. Im Idealfall sollte dieser in der Lage sein, ein Pferd mit dieser feinsten Muskeldurchspannungstechnik Zügel unabhängig perfekt führen zu können. Ein solcher Reiter braucht keine Sporen, um ein Jungpferd vorwärts zu arbeiten. Nichts stumpft Pferde mehr ab als eine ständig arbeitende Reiterferse, die mit Sporen bestückt ist. Fehlt dem Reiter die letzte Feinheit in der eigenen Körperspannung, ist das Resultat aber leider oft ein Unterschenkel, der die Ferse – und damit den Sporen – oft regelmäßig und zu kräftig an den Pferdebauch bringt. Irgendwann wird mit dieser Methode einzig und allein erreicht, dass das Pferd ohne Sporen gar nicht mehr vorwärts-gehen wird. Eine andere zusätzliche Hilfe ist die Reitgerte. Ihr Einsatz kann sinnvoll sein, denn mit ihr lässt sich durch kurzes Touchieren im richtigen Moment ein zusätzlicher Impuls geben, wenn ein Muskelimpuls des Reiters nicht gleich verstanden wurde.

 

In der Ruhe liegt die Kraft

Des Weiteren gilt: Lassen Sie das junge Pferd anfangs viel im Schritt gehen, lehren Sie es, was eine Reitbahn ist. Biegen Sie Ihren eigenen Körper geschmeidig mit, wenn es in die Ecken geht oder auf den Zirkel. Lehren Sie es Volten, lassen Sie es durch die Mitte der Bahn wechseln, damit es lernt, ausbalanciert zu gehen, auch ohne seitliche Bandenbegrenzung. Erst wenn das Pferd all dies sicher im Schritt und Trab beherrscht, und auch gelernt hat, zwischen einzelnen Tempi zu differenzieren, wird schließlich der Galopp mit Reiter trainiert. Dann nämlich erst ist das Pferd gefestigt genug, um sich auch gut im Galopp selbst zu tragen, trotz Reitergewicht auf dem Rücken.

 

Schenken Sie Ihrem Pferd Zeit

Die erste Hürde ist geschafft, wenn der Reiter das Jungpferd in allen drei Gangarten am losen Zügel und auch in Dehnungshaltung arbeiten kann. Sobald dieser Moment eingetreten ist, kann es sehr hilfreich sein, das Pferd einmal für etwa zwei Wochen nicht mehr zu reiten. In dieser Zeit kann die Grundlagenarbeit durch Arbeit an der Hand oder ein wenig Longieren gefestigt werden.

Diese Phase des „Reifen-Lassens“ kann oft wahre Wunder bewirken. Für die Ausbildung des jungen Pferdes gilt: Machen Sie alles ruhig und langsam, es muss auf jedes Pferd individuell eingegangen werden. Man kann nicht jedes Jungpferd in das gleiche Schema „pressen“. Bei jedem Pferd muss auf die mentale Reife geachtet werden, genauso wie auf die morphologischen Gesichtspunkte eines jeden Pferdes. Was bei dem einen Jungpferd schon umsetzbar ist, kann bei dem anderen durchaus mal einige Monate länger dauern, Zeit darf einfach keine Rolle spielen!

 

Eine Frage der Modalitäten

Pferde, die angeritten werden, haben viele Eindrücke und Impulse zu verarbeiten. Deshalb ist es wichtig, das Pferd nicht zu stressen. Länger als 20 Minuten sollte nicht mit einem Jungpferd gearbeitet werden. Denn eine dauerhafte Konzentrationsfähigkeit ist bei jungen Pferden genauso wie bei kleinen Kindern noch nicht gegeben. Ebenso ist es ratsam darauf zu achten, dass Jungpferde bei der Arbeit nicht ins Schwitzen geraten. Sie werden trainiert, wie man ein Kind an regelmäßigen Sport gewöhnen würde. Wird ein Pferd gestresst und überanstrengt, produziert dies ein negatives Schwitzen, das durch Stresshormone entsteht. Damit vergeht dem Tier jeglicher Spaß an der weiteren Arbeit, weil es psychisch überfordert wird. Später, wenn das Pferd im Training ist, darf es natürlich auch schwitzen.

 

Möglicherweise wird der eine oder andere diese Vorgehensweise belächeln. Dieser Weg ist jedoch darauf ausgerichtet, Pferde jahrelang leistungsfähig und gesund zu erhalten und die Freude des Pferdes an der Mitarbeit zu erhalten. Wer die Mühe auf sich nimmt bei der Ausbildung des jungen Pferdes auf diese Weise vorzugehen, wird belohnt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Pferde, die mit ihrem Reiter tanzen, vereint in völliger Harmonie, ohne dass reiterliche Hilfen zu sehen sind, geschmeidige Bauch- und Rückenmuskulatur, Schub, Dynamik, gesunde Gelenke und das über Jahre hinaus. Die Eleganz und Anmut dieser herrlichen Tiere bleibt erhalten.

 

Die Basis bei der Ausbildung junger Pferde sollte immer die Liebe, der Respekt und das Vertrauen sein. Das sind die drei Schlüsselworte. Wenn alle dies beherzigen würden, hätten wir gesündere und weitaus mehr glückliche Pferde in dieser Welt.

Jutta Judy Bonstedt-Kloehn

 

Das Longieren ist eine gute „Vorschule“ für das spätere Anreiten. Je nach Pferd und Ausbilder kann man natürlich erst mal auch nur an der Hand anfangen, aber den Schritt an der Longe sollte man vor dem ersten Aufsitzen nicht auslassen.

 

  • Man kann keinen genauen Zeitplan für jedes Pferd aufstellen. Aber ein gutes Mittelmaß wäre etwa drei Tage hintereinander mit dem Tier zu arbeiten, danach lässt man das Pferd etwa zwei Tage mit den neuen Erkenntnissen ruhen. Das Pferdegehirn braucht Zeit, um die neuen Eindrücke erst einmal zu verarbeiten. Ein guter Ausbilder weiß instinktiv und durch Erfahrung, wann es dem Pferd reicht. Er hört VOR diesem Moment auf. Ebenso merkt er, wenn sein Pferd unterfordert ist und mehr lernen möchte. Jedes Pferd ist individuell. Die Kunst beim Arbeiten mit Jungpferden ist, zu erspüren, was man einem jeden einzelnen Pferd zumuten kann.

 

Über die Autorin:

Jutta Judy Bonstedt-Kloehn reitet seit ihrer Kindheit. Nach Erfahrungen in klassisch-konventioneller Reitweise fand sie schließlich in der klassischen und iberischen Reitweise ihr Glück. Im Jahr 1995 ging Jutta Judy Bonstedt-Kloehn nach Andalusien und eröffnete in der Provinz Almeria ein eigenes Reit- und Ferienzentrum wo sie Reiter und Pferde ausbildet.

 

Lesetipp: Klassische und iberische Reitkunst: Sanfte Dressur in Harmonie mit dem Pferd

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