Lektionen ohne Basis?

Foto: Sven Cramer

Ausbildung | Andrea Lipp | 25.02.2019

Die Reiter der Turnierszene werden von den Reitern der Dressur-Subkulturen oft kritisiert, dass sie sich im Training nur an die Prüfungsaufgaben der Prüfungsordnung halten und ihr Training aus diesem Grund häufig biomechanisch nicht korrekt abläuft. Vor kurzem habe ich nun gerade einen Reiter gesehen, der sich offensichtlich einer der vielen Nischen-Dressur-Szenen der Reiterei zugewendet hat. Er ritt sehr stolz Außengalopp und Seitengänge im Galopp. Das Pferd hatte keinerlei Anlehnung, der Rücken hing durch und der Galopp war nicht im Takt. Bei einem Trainer zu reiten, der einen schon so „hohe Lektionen“ reiten lässt macht natürlich stolz, suggeriert es einem doch, dass  man in seiner Reiterei schon sehr weit ist.

Ich muss es einmal ganz klar äußern: was die Turnierreiter eventuell zu stumpfsinnig an Lektionen abspulen und daher biomechanisch manchmal nicht korrekt arbeiten, wird in den „Dressur-Subkulturen“ auf andere Art und Weise biomechanisch schlecht gearbeitet, da häufig die Basis komplett vergessen bzw. vernachlässigt wird.

Bevor ich ein Pferd im Außengalopp reite, muss der Handgalopp sitzen und das Pferd im klaren Dreitakt sprunghaft nach vorwärts aufwärts an die Hand heranspringen. Anlehnung, Schwung und Takt sind die Basis jeder Reiterei. Genauso verhält es sich mit den Seitengängen im Trab. Zuerst kommt die Arbeit auf Zirkel und ganzer Bahn. Das bedeutet häufig mühsame und penible Basisarbeit an Takt, Anlehnung und einem schwingenden Rücken, die auch schon mal Wochen dauern kann. Erst DANACH geht es an die Seitengänge und bei solider Basisarbeit ergeben sich die Seitengänge im Trab und Galopp von ganz alleine. Das Pferd behält seinen Takt und seine Anlehnung auch in den Seitengängen und läuft nicht stockend mit hängendem Rücken irgendwie seitwärts daher.  Das Gleichmaß der Bewegung in allen Gangarten bei korrekter Haltung des Pferdes ist das A und O und der Prüfstein für korrekte Ausbildung.

Jeder Turnierreiter, der sich an den Aufbau der Prüfungsordnung hält, hat zumindest durch diese klare Struktur schon einmal die Idee, dass erst die Basis gefestigt sein muss, bevor es an höhere Übungen geht.

Natürlich heißt das nicht, dass ich Seitengänge im Schritt zum Gymnastizieren nicht auch schon zu Beginn der Ausbildung einflechte. In diesem Bereich könnte mancher Turnierreiter  -ich nenne diese Gruppe der Reiter jetzt einfach mal so, weil die Dressur-Subkulturen sich ja auch bewusst genau so immer von diesen Reitern absetzen- biomechanisch sein Wissen auffrischen und den geraderichtenden Effekt der Seitengänge verinnerlichen und in sein Repertoire einbauen.

Es gibt ja mittlerweile so unendlich viele Strömungen in der Dressurreiterei. In der Hobby-Subkultur-Szene wird häufig gemeint, dass man alles besser macht und auf die Sportreiter wird herabgesehen. Ganz ehrlich ist es häufig besser für die Pferde, wenn die Reiter sich wenigstens ab und zu dem Richter zeigen und im Protokoll Hinweise zur Verbesserung ihres Reitens finden. Diese vielen Reitkünstler die nur ihr eigenes Süppchen kochen und häufig biomechanisch ebenso schlimme Dinge ihrem Pferd antun, wie die Übertempo-Sportreiter, arbeiten nämlich zu Hause im stillen Kämmerlein und haben oft nicht einmal ordentlichen Unterricht. Ich habe schon so viele „Hobby-Reitkunst“-Pferde mit hängendem Rücken gesehen. Zum Teil sind diese Hobby-Dressur-Pferde auch von den vielen Seitengängen so verbogen und lose im Hals, dass sie nicht mehr geradeaus am Hufschlag gehen können. So ein Ergebnis hat mit klassischer Dressur absolut nichts zu tun.

Nicht umsonst gehört in das erste Jahr der Ausbildung des Pferdes das Reiten in allen drei Gangarten auf großen Linien, das heißt Zirkel und ganze Bahn. Das Pferd lernt fleißig zu bleiben, ohne zu eilen und an die Hand heranzutreten. Das Gleichmaß der Bewegung muss erhalten bleiben und auch der Zug nach vorne. Untertouriges Reiten hat bei einem jungen Pferd nichts zu suchen. Das junge Pferd muss lernen, dass es sich mit dem Reitergewicht genauso bewegen kann, wie ohne den Reiter. Dazu gehört ein Reiter, der vernünftig leichttraben und auch vernünftig aussitzen kann. Untertouriges Reiten kann man ja viel besser sitzen. Einen schwungvollen Trab (und ich wiederhole mich, ich rede nicht von Scheuchen) muss man sitzen lernen. Dazu gehört eben auch als Reiter die Arbeit an der eigenen Basis, nämlich dem Sitz. Dazu gehören endlos viele Reitstunden bei einem guten Reitlehrer und viel Arbeit an sich selbst zu Hause.

Es gibt keine Abkürzungen in der Reiterei, weder bei der Ausbildung des Pferdes noch bei der eigenen Ausbildung. Und egal, was man da auf seinen Reitstil drauf schreibt. Es gibt nur richtiges oder falsches Reiten.


Über die Autorin:

Die klassische Reiterei ist die Passion von Andrea Lipp. Seit 2008 leitet sie im Bergischen Land bei Köln ihre Klassisch-Barocke Reitschule. Andrea Lipp ist Schülerin von Oberbereiter Andreas Hausberger, bei dem sie sich seit 2011 regelmäßig fortbildet. 

Mehr Informationen zu Andrea Lipp finden Sie hier: www.barock-reiten.de

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