Übertriebene Rücksicht?

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Reiterverhalten | Andrea Lipp

Unsere Reithalle steht oberhalb der Stalltrakte recht abseits auf der Reitanlage. Für die Pferde ist es zu Beginn tatsächlich ein wenig gruselig so ganz fernab von den anderen Kumpels gearbeitet zu werden. Als ich auf der Reitanlage mit meinen Pferden einzog, stellte ich fest, dass es dort eine ganz wunderbare Sitte gibt. Durch die Alleinlage der Reithalle finden es einige Pferde aufregend, wenn ruckartig jemand am Halleneingang auftaucht. Es hat sich also eingebürgert, dass man kurz ruft, wenn man sich der Halle von unten aus Richtung der Boxen nähert. Will man den Reitplatz verlassen, muss man direkt an der Längsseite der Halle entlangehen. Auch hier gibt es die nette Sitte kurz Bescheid zu sagen, dass man jetzt neben der Halle langgeht. Dies hat schon so manche brenzlige Situation vermieden. Ich fand diese Gepflogenheiten ganz beeindruckend und einfach nur toll. So ein Miteinander hatte ich bisher an keinem anderen Stall erlebt. Hier merkt man die Vorbildfunktion der rücksichtsvollen Stallbetreiber, die sich entsprechend auf die Einsteller auswirkt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich letzten Sommer mit meinem Pardo auf dem Außenplatz ritt. Mein Stallbetreiber kam zu mir und fragte mich, wie lange ich noch reite. Er wollte neben der Reithalle eine Reparatur ausführen. Meinem showerfahrenen Pardo war das völlig egal, ob da jemand direkt neben dem Dressurviereck schraubte. Diese Frage vorab fand ich allerdings sehr nett. Wer kennt nicht Fälle von anderen Höfen, wo eben ohne Rücksicht losgelegt wird?

Selbstverständlich müssen sich Pferde auch an solche Dinge gewöhnen und sich auch mit Radau neben der Reitbahn reiten lassen. Pferde sind Fluchttiere und der Sicherheitsaspekt darf nie außer Acht gelassen werden. Rücksicht ist nicht albern oder übertrieben, sondern Unfallverhütung. Natürlich kann und soll man ein Pferd an alles gewöhnen. Der Reiter, der ein Pferd sein Eigen nennen darf, welches ein absolut bombensicheres Nervenkostüm hat, kann sich glücklich schätzen. Ich denke gerade an meine Isistute Stjarna. Sie war von klein auf tiefentspannt. Stjarna hat in den vielen Jahren exakt zweimal gescheut und hatte da auch einen sehr triftigen Grund. Ein weiteres Beispiel für ein tolles Nervenkostüm ist ein junger Lusitano, den ich in Vollberitt hatte. Er ist genauso alt wie mein junger Lipizzaner und war von Anfang tiefentspannt, obwohl er auch ordentlich Temperament hat. Mein Pluto Troja ist das komplette Gegenteil. Er war im Alter von 5 bis 6 Jahren regelrecht elektrisch und wird erst jetzt im Alter von 7 Jahren deutlich gelassener. Auf diesem Pferd war ich einfach nur dankbar, dass ich an so einem Stall mit oben beschriebenem netten Miteinander gelandet bin.

Rücksicht nehmen auf schwächere Reiter, junge Pferde und Reiter mit aktuellen Schwierigkeiten ist ein Element der klassischen Reitkultur. Ich weiß durchaus, dass es genug Reitanlagen gibt, auf denen es eben nicht diesen netten Umgang gibt. Da wird gnadenlos vom Mitreiter der Reiter mit dem jungen Pferd an die Wand geritten, obwohl man weiß, dass es gerade nur wenige Male unter dem Sattel ist. Menschen, die Arbeit an der Hand machen und am Boden sowieso in einer gefährlicheren Lage sind, werden rücksichtlos behandelt. Könnt ihr euch vorstellen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die oben beschriebenes nettes Miteinander albern und übertrieben finden? Leider ist dies so und deutet einmal mehr darauf hin, dass es wohl nur wenige Orte gibt, an denen noch wirkliche klassische Reitkultur gepflegt wird. Es sollte doch selbstverständlich sein, dass man auf seine Mitmenschen Rücksicht nimmt. Ich finde es schön, dass in unserer Stallgemeinschaft so ein nettes Miteinander herrscht und weiß aus dem Kundenkreis, dass es auch noch weitere Orte gibt, an denen dieser Umgang gepflegt wird.

Ich war gerade mit einem jungen Berittpferd in der Bahn. Der Wallach steht noch nicht lange bei uns am Stall. Meine Mitreiterin war fertig mit ihrem Pferd und wollte die Halle verlassen. Die Frage „Soll ich noch kurz bei dir bleiben oder kannst du ihn schon alleine in der Halle reiten?“ fand ich gut. In diesem Fall war es nicht nötig, dass meine Mitreiterin in der Bahn blieb, denn der Jungspund ließ sich schon sehr brav alleine in der Halle arbeiten. Diese nette Frage aus Rücksicht macht solche Ställe zu einem wunderbaren Ort. Personen, die diese Umgangformen unverständlich finden, werden vielleicht selbst mal in die Situation kommen, dass sie auf einem richtig heißen Pferd sitzen oder nicht fit sind. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man auf den ängstlichen Reiter oder das schwierige Pferd Rücksicht nimmt. Jedes andere Verhalten ist inakzeptabel.


Über die Autorin:

Die klassische Reiterei ist die Passion von Andrea Lipp. Seit 2008 leitet sie im Bergischen Land bei Köln ihre Klassisch-Barocke Reitschule. Andrea Lipp ist Schülerin von Oberbereiter Andreas Hausberger, bei dem sie sich seit 2011 regelmäßig fortbildet. 

Mehr Informationen zu Andrea Lipp finden Sie hier: www.barock-reiten.de

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