Welches Gebiss passt zu meinem Pferd?

Ausbildung | Ilka Stehn 

Die Voraussetzung für sensible und gefühlvolle Zügelhilfen bei einem zufrieden kauenden Pferdemaul ist ein passendes Trensengebiss. Aber welches Gebiss passt zu meinem Pferd und mir? Unzählige Angebote und verkaufsfördernde Beschreibungen machen die Auswahl schwer. Neben unterschiedlichen Materialien, Formen und Wirkungsweisen ist in erster Linie die Beschaffenheit des Pferdemauls zu berücksichtigen.

Zu bedenken ist die Länge der Maulspalte, die Position der Zähne, die Zunge, der Gaumen, die Laden und Lefzen, sowie der Abstand von Ober- und Unterkiefer und die Maulbreite. All diese Faktoren sind bei jedem Pferd individuell angelegt und müssen entsprechend individuell betrachtet werden.

Das Gebiss sollte weich auf der Zunge und am Maulwinkel anliegen und das Pferd zum Kauen und Speicheln anregen, damit sich die Muskelkette von Kaumuskulatur über Genick, Nackenband, Langer Rückenmuskel bis zur Bauch und Hinterhand Muskulatur lösen und locker zusammenarbeiten kann. Das Pferd muss hierfür gern und vertrauensvoll die Anlehnung am Gebiss mit der Reiterhand annehmen und suchen. Ein passendes Gebiss ist hierfür die Grundlage.

 

Grundwissen:

Abgesehen von der Gebiss Form, Größe, Länge, Dicke und Art muss man sich auch immer mit dem Gebissmaterial auseinander setzten.

 

Gebiss – Materialien:

Das gängigste Material für Gebisse ist Edelstahl. Es besteht aus verschiedenen Teilen Chrom, Stahl und Nickel. Edelstahl Gebisse glänzen, durch den Chrom-Anteil, immer deutlich silbern.

Die zweit häufigste Legierung für Gebisse ist Argentan (auch German Silver oder Neusilber genannt). Es besteht zu unterschiedlichen Teilen aus Kupfer, Nickel und Zink. Je nach Kupferanteil können Argentan Gebisse von dunkel Silber bis hell golden sein.

Die meisten Gebisse, die im Handel erhältlich sind, bestehen also aus Legierungen, die unter anderem Nickel in relativ hoher Konzentration enthalten. Nickel kann, speziell an Schleimhäuten, allergische Reaktionen hervorrufen.

Eine Alternative zu nickelhaltigen Legierungen bieten z.B.  unter anderem Aurigan und Sensogan (Patent: Sprenger) oder Kaugan (Patent: Busse). Diese Legierungen sind weitestgehend Nickelfrei und bestehen aus verschiedenen Teilen Kupfer und unterschiedlichen Edelmetallen. Je höher der Kupferanteil, desto dunkler golden sind die Gebisse.

Kupfer hat mehrere positive Eigenschaften. Zum einen wirkt es antibakteriell, zum anderen schmeckt es süßlich, wenn es oxidiert. Dies regt die Speichelbildung bei Pferden an, die dadurch angeregt werden vermehrt zu kauen und so grundsätzlich das Gebiss besser annehmen.

 

Das Gebiss korrekt auswählen:

Es gibt unterschiedliche Längen, Dicken, Formen und Wirkungsweisen. Welches Gebiss für welches Pferd das Richtige ist, sollte gut überlegt sein.

Zuerst ist es Wichtig, die korrekte Länge zu wählen. Diese wird von Maulwinkel zu Maulwinkel gemessen. Stellt man sich vor das getrenste Pferd und zieht die Gebissringe auseinander, so sollte noch etwa ein halber Zentimeter Platz sein. Wenn man unsicher mit der Gebissweite ist, wählt man lieber ein etwas zu langes, als ein etwas zu kurzes Gebiss aus, da zu eng am Maulwinkel anliegende Gebisse bei bestimmten Bauarten (z.B. bei Wassertrensen) den Maulwinkel verletzen können. Idealer Weise liegt das Gebiss locker am Maulwinkel an, wenn das Gebiss nicht angefasst oder bewegt wird.

(Siehe Abb.)

Als nächstes muss die Gebiss-Dicke (Stärke) gewählt werden. Diese wird direkt am Maulwinkel, innen am Gebiss gemessen. Hauptsächlich muss hier auf die individuelle Anatomie des Pferdes geachtet werden. Der Platz zwischen Ober- und Unterkiefer, sowie die Länge der Maulspalte und die Beschaffenheit der Zunge ist hierbei zu beachten.

Ist viel Platz zwischen den Kiefern, die Maulspalte lang und Zunge eher dick und fleischig, wird das Pferd voraussichtlich ein dickes und/oder massives Gebiss bevorzugen.

Ist wenig Platz zwischen den Kiefern, die Maulspalte kurz und die Zunge dünn und weich, wird das Pferd voraussichtlich ein dünnes und/oder hohles Gebiss bevorzugen.

Natürlich gibt es alle anatomisch möglichen Kombinationen bei den vielen verschiedenen Pferden, daher muss bei jedem Pferd individuell geschaut werden, was passt und was nicht.

 

Die Gebiss-Lage:

Nun muss die korrekte Lage des Gebisses ermittelt werden.

Wenn das Pferd beim Kauen das Gebiss nach vorn und hinten bewegt, darf es dabei weder an die Backen-, noch an die Schneide- bzw. Hengstzähne stoßen. Die „zwei-Falten“-Regel trifft hier in den meisten Fällen leider nicht zu. Man sollte das Pferd auftrensen, das Maul seitlich öffnen und beobachten, ob das Gebiss von der Zunge zu weit nach vorn oder hinten geschoben wird und das Gebiss entsprechend höher bzw. tiefer einschnallen.

 

Gebiss-Art und Wirkung:

Nun steht die Wahl zwischen einfach- oder doppeltgebrochen oder einem Stangengebiss. Außerdem muss entschieden werden, welche Gebiss Art (Wassertrense, Olivenkopf, D-Ring, B-Ring, Schenkeltrense, usw.) genutzt werden soll. Um diese Entscheidung zu treffen muss man sich die Wirkung der verschiedenen Bauweisen bewusst machen.

Ein einfach gebrochenes Gebiss legt sich bei deutlichem, beidseitigem Zug am Zügel um die Unterkieferäste und kann den sogenannten „Nussknacker Effekt“ auslösen. Außerdem stellt sich das Gebiss mittig Richtung Gaumen auf, was der Zunge erlaubt, sich weiterhin vor und zurück zu bewegen. Ein unangenehmer Druck in den Gaumen kann nur entstehen, wenn das Reithalfter zu eng verschnallt wurde.

Bei einem doppelt gebrochenen Gebiss wird zudem noch die Zunge zwischen den Unterkieferästen fixiert und kann sich nicht mehr bewegen. Der „Nussknacker Effekt“ ist hier noch stärker als bei einem einfach gebrochenem Gebiss.

Ein Stangengebiss übt bei starkem beidseitigem Zug am Zügel starken punktuellen Druck auf die sehr dünnen Unterkieferäste aus und fixiert die Zunge. Wird das Gebiss hingegen nur einseitig stark angenommen, kann es zwischen Ober- und Unterkiefer verkannten. Ein Stangengebiss wirkt immer gleichzeitig, beidseitig. Gebrochene Gebisse hingegen immer einseitig.

Ein Stangengebiss sollte also immer ausschließlich mit nachgebenden Hilfen geritten werden, um o.g. Verkannten und entsprechend ungewollte Reaktionen des Pferdes zu vermeiden.

Fazit:

Wie alle Themen rund um unsere Pferde, gibt es auch zu Gebissen viel zu lernen und zu wissen. Jeder Reiter sollte sich so viel Wissen, wie möglich aneignen, um seinem Pferd auch die richtige Ausrüstung auswählen zu können.

 

Über die Autorin:

Ilka Stehn wurde als zweites von vier Kindern in der Nähe von Lüneburg geboren. Schon früh hatte sie nichts als Pferde im Kopf, konnte aber erst mit zwölf Jahren anfangen regelmäßig zu reiten.

Schon immer war klar, dass sie mit Pferden arbeiten möchte.

Durch eine sehr enge Zusammenarbeit mit Antje Bandholz (Trainerin der altfranzösischen Reitkunst) für einige Jahre und bis heute regelmäßigen Unterricht bei dem ehrenwerten Eberhard Weiss (klassischer Reit- und Fahrausbilder), konnte sie die Grundlagen der Pferdeausbildung bis zur hohen Schule erlernen.

Spezialisiert auf Pferde, bei denen andere Ausbilder aus verschiedenen Gründen nicht weiter gekommen sind, ist sie heute selber unter anderem Ausrüstungs-Expertin.

www.klassische-reitausbildung-ilka-stehn.de

 

Foto: Julia van Loo / Ilka Stehn


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