Machen Barock-Turniere Sinn?

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Barocke Reiterei | Corinna Scholz

Wer will es wagen, “Kunst” zu bewerten?
Wenn die Jagd nach Pokalen und Siegen die Reitkunst verdirbt, warum dann Turniere für Barockpferde oder barockes Reiten? Wenn wir die Barockturniere mit Reglements ersticken, in Kleider- und Ausrüstungsordnungen einschnüren und im (allzu deutschen) Bestreben nach Einheitszwang vergraben, dann sind Barockturniere in der Tat überflüssig.
Aber genau das ist im Ansatz schon passiert: Da gibt es iberische Turniere, wo man sturheil nur im spanischen oder deutschen Turnierfrack erscheinen darf; Barockturniere, in denen der Dreispitz zur Uniform wird und, und, und…
Nun, das soll es natürlich nicht sein.

Warum sollten nicht auch Reiter, die es sich zur (Lebens-)Aufgabe gemacht haben, ein Pferd sauber und gründlich nach der klassischen Lehre auszubilden, sich im Wettkampf messen dürfen? Warum sollte ihnen die Chance nicht gegeben werden, sich einem Urteil zu stellen um, unabhängig von ihrem Ausbilder, Stellungnahme und Hilfe zur geleisteten und zur weiteren Arbeit zu erhalten? Und vor allem – warum sollte es dem interessierten Publikum verwehrt bleiben, durch das Zuschauen nicht nur den Anblick zu genießen, sondern auch lernen zu können?

Dies alles gelingt nur durch das Öffentlichmachen der “barocken Reitkunst”, die jedoch dann auch als solche gesehen und ausgeübt werden sollte. Somit sollte mit dem Begriff “Barockkür” auf Breitensportturnieren vorsichtig umgegangen werden, auch mit der Zulassung bestimmter Pferderassen. Das alleinige Anziehen eines schicken Kostüms hat – ebenso wie eine (noch so gut gerittene) Kür auf blanker Kandare (womöglich noch beidhändig) nichts mit Barockreiten zu tun.

Dies erklärt auch, wie schwer solche Prüfungen zu richten sind.
Bislang sind (noch) nur sehr wenige Richter (die meist keine Richterprüfung der FN besitzen, sondern sich in langen Jahren Kenntnisse über die Grundlagen und Lektionen der barocken Reitkunst angeeignet haben). in der Lage, hier reell, wohlwollend und mit hilfreichen Kommentaren zu bewerten. Der Mitteltrab eines Barockpferdes kann ganz anders aussehen als der eines deutschen Warmblüters – die Piaffe allerdings auch.

Am höchsten bewertet muss in einer Prüfung, die sich mit dem Titel “Barock-Kür” schmückt, die zufriedene, pure Freude ausstrahlende Harmonie zwischen Reiter und Pferd, das willige und leichte Ausführen (schwerer) Lektionen, die zur barocken Reitkunst gehören bei leichtester Anlehnung und (fast) unsichtbarer Hilfengebung.

Die barocke Reitkunst muss in Pferd und Reiter schon vorhanden sein – das Kostüm hilft nur, sich und den Zuschauer in eine Zeit zurückversetzen zu lassen, die wir durch das Erhalten der “barocken Reitkunst” weiterleben lassen wollen!

So konstatierte schon der französische Reitmeister Antoine de Pluvinel anno 1624 in seinem Standardwerk “L’Instruction du Roy”, den niedergeschriebenen Reitanweisungen an seinen Schüler, den damaligen König von Frankreich:

„Die zierlichen Gebärden eines Reiters sollten sich vornehmlich in der Freiheit des Gesichtes und des ganzen Leibes zeigen. Denn derjenige, der ein anmutig und fröhlich Gesicht hat, darf sich oft mehr sehen lassen und vergnügt, die ihn so ansehen, weit mehr als ein anderer, der viel besser reiten kann, aber diese Fröhlichkeit nicht hat.“

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Danke!

Auf meine vielen Fragen bekam ich von Christin Krischke (Fürstliche Reitschule Bückeburg – die „Tjoster“), diese hochinteressanten Antworten.

Corinna Scholz

 

Weiterlesen: Die Zeiten


Über die Autorin:

Corinna Scholz ist Pferdewirtin FN Schwerpunkt Reiten mit jahrzehntelanger Erfahrung im Dressur-, Vielseitigkeits- und Springsport, die sich nach ihrer Turnier-Laufbahn der feinen Pferdeausbildung und Reiterei verschrieben hat und dies auf Messen und großen Veranstaltungen in diversen Schaubildern präsentiert hat. Neben ihrer Ausbildertätitgkeit hat sie diverse Workshops und Seminare zu verschiedenen Themen rund ums Pferd veranstaltet. Sie gründete 2004 das Team Légèreté e.V. und richtet als Prüferin Breitensport verschiedene Breitensportturniere. Corinna Scholz hat in diversen Fachmagazinen Artikel rund um das Thema Pferd veröffentlicht und ist seit 2010 ständige Mitarbeiterin der Zeitschrift Hofreitschule. 2014 erschien ihr erstes Buch, das "blv-Handbuch Bodenarbeit". Weitere Informationen zur Autorin unter: www.tanzende-hufe.de


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