Sisi - die Kaiserin im Sattel

Sisi Kaiserin, DamensattelSisi auf einem ihrer Lieblingspferde, dem Vollblut-Wallach Merry Andrew

Barockreiten | Martin Haller | 12.07.2018

„In vielen Sätteln gerecht“

Die Redensart ist seit dem 16. Jahrhundert belegt und meint eigentlich, dass man auf jedem Pferd reiten kann. „Gerecht“ hat hier noch die alte Bedeutung „richtig“. Im gleichen Bilde bedeutet auch „sattelfest sein“ nichts anderes, als eine Sache gut zu beherrschen. Man weist damit auf jemanden hin, der auf verschiedene Arten gut reiten kann, sich auf unterschiedlichen Pferden behauptet bzw. sich ihnen anpassen kann.

Das Talent der Sisi

Woher Talent in einem Menschen kommt, ist oft schwer erkennbar. Manchmal ist es ein genetischer Sprung von einem oder mehreren Vorfahren auf den Empfänger der Fähigkeit; es kann aber auch unverhofft auftreten. Bei Sisi dürfte es sogar von beiden Seiten ihrer Familie auf sie gekommen sein, einmal von der Großmutter und einmal vom Vater.

Die mütterlichen Großeltern der Herzogin Elisabeth in Bayern waren König Maximilian I. Joseph von Bayern und Caroline Friederike von Baden. Caroline war umfassend gebildet und eine schöne Erscheinung, dazu von einem besonderen reiterlichen Talent, das literarische Erwähnung fand.

 Sisis Vater Maximilian war bekanntlich ein Allround- Sportstalent, aber besonders am Reiten interessiert und ein kühner Artist im Sattel. Diese beiden Erbfaktoren scheinen sich in Sisi verdichtet und ihre besondere reiterliche Gabe begründet zu haben!

Schon bei ihrer spektakulären Heirat geriet die junge Frau in einen Wirbelsturm der Gefühle, denn sie wurde völlig unvorbereitet und viel zu jung in eine Umgebung verpflanzt, die ihrem Naturell völlig widersprach. In dieser Lage fand sie in den Pferden und der Reiterei jene Sicherheit und Ablenkung, die ihr möglicherweise halfen, ihre persönlichen Probleme zu lindern, wenn auch nicht völlig zu meistern.

Verwandte Seelen verstehen einander auch ohne große Worte. Die höchst sensible Kaiserin war nicht nur eine technisch brillante Reiterin, sondern hatte auch jenen besonderen Draht zu Pferden, welchen nur wenige Menschen besitzen… Mut und technisches Können zu Pferde zeichneten sie aus. Ihr späterer Jagdbegleiter, der Schotte William „Bay“ Middleton, der ihre reiterlichen Fähigkeiten wohl am besten kannte, war fest überzeugt, dass sie die übernatürliche Fähigkeit besaß, sich in die Psyche von Tieren völlig zu versenken und diese zu kontrollieren.

Sie hatte ihre Reitausbildung ständig und bis zum Ende der reiterlichen Betätigung vorangetrieben und durch die ihr offenstehenden Möglichkeiten eine – vor allem bei Frauen – seltene Perfektion erreicht. In der Dressur erhielt sie Unterricht von den Oberbereitern der Spanischen Hofreitschule, bis zu den Lektionen der Hohen Schule, einschließlich der Schulen über der Erde. Sie konnte Piaffe, Passage und auch Levade perfekt reiten und soll sich sogar in den schwierigeren Schulsprüngen versucht haben. Eine Aussage des Oberbereiters Franz Gebhardt bezeugt dies, in der er sinngemäß feststellte, dass die Kaiserin ein übersinnliches Verständnis für Pferde habe, eine besonders talentierte Reiterin sei und er keine bessere Dame zu Pferd kenne. Dieser Gebhardt war gebürtiger Berliner und ein prägender Ausbilder in Wien; er steht im Mittelpunkt des berühmten Gemäldes von Julius von Blaas „Morgenarbeit in der Winterreitschule“ von 1890; man sieht ihn darauf einen Braunen an der Hand piaffieren.

Wir erkennen an der reiterlichen Karriere und Betätigung der Kaiserin, dass sie keine einseitige Spezialistin war, sondern eine vielseitig geschulte und umfassend interessierte Reiterin war. Sie beschäftigte sich bereits vor rund 150 Jahren mit Fachgebieten, die lange Zeit fast gänzlich unbeachtet blieben und heute unter neuen Bezeichnungen wieder populär sind. Da wären ihre jugendlichen Auftritte als Zirkusreiterin in Bayern – eine Form des Voltigierens; weiters ihre Begabung im „Pferdeflüstern“ oder ihr Interesse an Zirkuslektionen mit Pferden – die heute wieder ganz im Trend liegen; ihre Ausbildung an der Hofreitschule zeigt das Interesse an klassischer Dressur; ihre Jagdritte sind Beweis, dass sich Sisi besonders am schnellen Reiten über Geländesprünge berauschte.

Bei alledem wird immer sichtbar, dass sie unglaublichen Eifer beim Training besaß, dass sie mit großem Talent gesegnet war und vor allem die Pferde liebte. Ihr einfühlsames Verständnis für schwierige Pferde und ihre weiche Reiterhand werden immer lobend erwähnt. Sisi war auch eine Ikone der Emanzipation, denn sie zeigte sich den Männern an Mut und Horsemanship gleichwertig oder sogar überlegen. Zu ihrer Zeit gab es relativ wenige Damen von Rang, die vor allem der Herausforderung des Jagdreitens – einer typischen Männerdomäne – in ähnlicher Weise entsprachen; übertroffen hat sie wohl keine. Selbst wenn dies so gewesen wäre, hätte man es wohl kaum publik gemacht…

Mit großer Wahrscheinlichkeit war die Kaiserin eine Idiosynkratikerin*, also ein außergewöhnlich empfindsamer und empfindlicher Mensch mit extrem individueller und ausgeprägter Wahrnehmung. Ihre Neigung zu angstvoller Depression und hoher Emotionalität sprechen dafür – wie auch ihre feinfühlige Intelligenz und angstvolle Rastlosigkeit.

Es ist ein kaum bekanntes Faktum, dass gerade jene Personen, die zu Idiosynkrasie neigen, in besonderer Weise mit Tieren kommunizieren können. Sie sind – wenn ihnen Tiere nicht Unwohlsein bereiten – in für normal empfindende Menschen nicht nachvollziehbarer Weise imstande, auf Tiere einzugehen, ihre subtilsten Signale zu erkennen und zu deuten und sich quasi „in ein Tier zu versenken“. Tiere wiederum scheinen solche Menschen als ihresgleichen zu empfinden, denn sie sind ja ebenfalls enorm feinfühlig und verfügen über paranormale Fähigkeiten (z. B. Wittern von Gefahr; Riechen von Angst; Spüren von Krankheiten…). Wenn also die intimsten Freunde der Kaiserin davon überzeugt waren, dass sie ein besonderes Verhältnis zu Tieren hatte, so kann dies durchaus auf einer besonderen Verständigungsebene zwischen ihr und ihren – oder auch fremden – Tieren beruht haben. Überraschend jedoch ist, dass die Quellen – jedenfalls nach heutigem Empfinden – durchaus auch von einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber den Tieren berichten.

Dem Zeitgeist folgend, waren damals besonders Pferde Arbeitstiere und Kriegsgeräte gleichermaßen und gehörten zum Alltag in Stadt und Land. Unbehandelbare Krankheiten, tragische Unfälle oder blutige Kriegsopfer waren weitgehend normale Vorkommnisse bei Mensch und Tier – was die Menschen vielfach gegenüber dem Mitgeschöpf abstumpfen ließ. Es mag bei Sisi aus heutiger Sicht verwundern, dass sie als vermeintlich große Pferdefreundin ihre Tiere dem Sport zuliebe einem enormen Risiko aussetzte und deren fallweisen Tod gleichsam billigend in Kauf nahm: So forderte allein die Vorbereitung der Jagdpferde auf die irischen Fuchsjagden drei Todesopfer unter ihnen; weitere kamen bei den Jagden selbst ums Leben; Elisabeth ritt oft viele Stunden in hohem Tempo querfeldein und kam zu Sturz; immer wieder versuchte sie, zu Pferd gefährliche Hindernisse zu überwinden… Ob sich dahinter eine gewisse Gefühlskälte verbarg oder lediglich die damals übliche Sachlichkeit Tieren gegenüber, ist heute kaum mehr zu entscheiden. Es wäre wohl ebenso falsch, sie unkritisch und undifferenziert als große Tierfreundin im heutigen Sinn dieses Wortes zu bezeichnen – oder als von Ehrgeiz und Geltungssucht getriebene Sportreiterin, der das Wohl ihrer Tiere herzlich egal war. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo dazwischen: Das Verhältnis zur Kreatur war zu Sisis Zeiten schlicht und einfach ein anderes: Die moderne Tierethik im Sinne eines Albert Schweitzer, nach der Tiere eine natürliche Würde und ein Anrecht auf Glück haben, ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, von der Sisi keine Ahnung und keine Vorstellung haben konnte. Tiere galten als Helfer und Unterstützer des Menschen, der sie ernährte und pflegte und dem sie folgerichtig ihre Arbeitskraft und letztlich auch ihr Leben schuldeten.

Zweifellos hat auch Sisi ihre Pferde benutzt, um sich Erfolg, Ablenkung und Bestätigung zu verschaffen – dass dabei manche ihrer wertvollen und geliebten Tiere den Tod fanden, empfand sie vermutlich als unvermeidliche, wenngleich bedauerliche Begleiterscheinung. Nach der Aufgabe des Reitens wurden viele der besten Pferde verkauft und verschwanden aus ihrem Leben, ohne dass sie sich um deren Zukunft weiter gekümmert hätte – andere wiederum pries sie in gefühlstrunkenen Gedichten oder ließ sie in teuren Gemälden verewigen. Letztlich bleibt auch in dieser Frage ein Widerspruch in Sisis Haltung, der nicht restlos aufzulösen ist – und daher für den Interpreten eine ewige Herausforderung bleibt.

*Idiosynkrasie

In der Psychiatrie und Psychosomatik ist Idiosynkrasie eine höchst individuelle Reaktion auf akustische (z. B. Quietschgeräusch von Kreide auf einer Schiefertafel) oder visuelle Reize (die z. B. Ekel hervorrufen), auch auf Personen oder Gegenstände, Gerüche etc. In der Psychologie eine besonders starke Abneigung und Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Personen, Lebewesen, Gegenständen, Reizen, Anschauungen u. Ä. Als idiosynkratische Sprache wird ein Sprechverhalten und Sprachverständnis bezeichnet, bei dem Wörtern und Wendungen mehr oder weniger fernliegende Bedeutungen oder eigensinnige Interpretationen (z. B. sehr wörtlich oder anders eingeengt) zugeordnet werden. (Nach Wikipedia.)

Martin Haller | Auszug aus dem Buch Sisi – Die Kaiserin im Sattel


Foto oben: Sisi auf einem ihrer Lieblingspferde, dem Vollblut-Wallach Merry Andrew 

Foto Mitte: Diese historische Fotografie ist eine der wenigen zeitgenössischen Aufnahmen von Kaiserin Elisabeth zu Pferd

Foto unten: Die Kaiserin wollte auch bei ihren Ritten über Land möglichst von niemanden gesehen weren; sie verbarg ihr Gesicht mit einem Fächer

Alle Fotos stammen aus Archiven


Buchtipp:

Sisi – Die Kaiserin im Sattel (Pferdeland Österreich-Ungarn)

von Martin Haller (Autor)

Gebundene Ausgabe: 140 Seiten

Verlag: Morawa Lesezirkel GmbH; Auflage: 1 (18. Juni 2018)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3990704818

ISBN-13: 978-3990704813

Jetzt kaufen

Mehr Infos

Hat ihnen dieser Bericht gefallen?

Konnten sie daraus neue Einsichten gewinnen? Wenn ja, dann würden wir uns freuen, wenn sie den Fortbestand unseres Magazins durch eine Spende sichern.


Spenden Sie uns eine Tasse Kaffee!