Nanu - das malende Pferd! Ist das Kunst?

Ds melende Pferd / PferdekunstDas malende Pferd Nanu / Foto Martin Haller

Meine Geschichte | Mag. Silke Stolz

Nanu malt wunderschöne Bilder. Sie führt den Pinsel mit viel Energie über die Leinwand. Mit etwas Fantasie erkennt man lustige und interessante Figuren in ihren Bildern. Manches Mal überraschen ihre Entwürfe auch mit einer nicht erwarteten Dreidimensionalität. Die Farben sind kräftig, und wenn ich mir die Bilder so ansehe, spüre ich die Freude, mit der Nanu gemalt hat.

Meistens darf ich die Farben aussuchen und ihr den Pinsel geben. Spannend wird es allerdings, wenn mal jemand anderes das macht. Jeder hat seinen eigenen Stil und andere Vorlieben für bestimmte Farben. Es braucht natürlich ein bisschen Mut dafür, ihr den Pinsel ins Maul zu geben - und man darf sich auch nicht davor fürchten, selbst ein bisschen Farbe abzubekommen. Nanu ist darauf trainiert, den Pinsel vorsichtig zu nehmen, und wer sich traut wird mit etwas Glück mit einem fantastischen Kunstwerk belohnt.

Das Malen hat Nanu sehr schnell erlernt. Innerhalb von nur vier Trainingseinheiten ist das erste Bild entstanden - mit Wasserfarben und auf einem Zettel, den ich an die Stallwand genagelt hatte. Mittlerweile malt sie auf einer Staffelei und „experimentiert“ mit unterschiedlichen Farben und Malgründen. Dass Nanu sich mit dem Malen so leichttut, liegt daran, dass sie sich schon vorher viele eher ungewöhnliche „Tricks“ angeeignet hat. Über das Markertraining haben wir in den letzten Jahren eine gute Basis geschaffen, um uns präzise zu verständigen. Nanu ist es von daher gewohnt, immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt zu werden. Pferde sind wunderbare Tiere, die eine unglaubliche Begabung darin haben, mit uns Menschen zu kommunizieren. Sie lesen uns wie offene Bücher und reagieren so fein auf unsere Körpersprache, dass wir oft schon an Magie glauben.

Niwi ist erst drei Jahre alt, aber auch er beginnt schon damit, Bilder zu malen. Außerdem liebt er es, auf das Zirkuspodest zu steigen. Diese Lieblingsübung haben wir etwas erweitert, so dass er mittlerweile schöne, bunte Hufabdrücke aufs Papier bringt. Es fehlt ihm nie an Motivation…

Vor dem Podest liegt eine Matte mit Farben, und auf dem Podest ein Blatt Papier. Die Herausforderung besteht darin, erst auf die Farbmatte zu steigen, und dann erst auf das Papier. Wenn das klappt, gibt es wunderschöne bunte Hufabdrücke. Wenn nicht, dann haben wir zumindest Spaß am üben und einen bunten Fußboden. Auch malen kann Niwi schon ein bisschen. Pinselweitwurf gehört allerdings zu seinen Lieblingsdisziplinen. Die Berührungen mit dem Pinsel auf der Leinwand sind noch eher zufällig, werden aber immer häufiger und die Bilder sind, eben wegen dieser Zufälligkeit, besonders interessant.

Eine der schwierigsten Übungen war anfangs das Aufhören und nach Hause gehen. Warum sollte Niwi denn jetzt, wo es so spannend und lustig war und es außerdem noch Belohnungen gab, wieder auf die Koppel und zu seinen Freunden gehen? Deshalb mussten wir auch aus dem Heimweg eine Lektion machen und diese besonders gut belohnen.

Ist es wirklich Kunst, wenn meine Pferde malen? Kunst kommt nach einem landläufigen Bonmot vom „Können“ und ist damit - im Gegensatz zur Natur - vom Menschen gemacht. Aber auch Tiere vollführen sogenannte Kunststücke, und der eine oder andere Blick in die Natur lässt uns staunend zurück. Wenn der Kunst ein Lernprozess vorausgehen muss, können wir dann ausschließen, dass nicht auch andere Lebewesen dazu imstande sind?

Wie zum Beispiel sieht es mit den berühmten Bildern des Schimpansen Congo aus, der sogar von Picasso bewundert wurde? Congo hätte ohne menschliche Unterstützung nie zu malen begonnen. Sind seine Bilder dennoch Kunst? Und wer ist der Künstler - Congo oder der Mensch, der ihm gezeigt hat, wie man malt?

Nanu und Niwi hätten niemals einen Pinsel ins Maul genommen, wenn ich sie anfangs nicht gezielt trainiert und dafür belohnt hätte. In Wirklichkeit sehen sie bei der Pinselführung selbst nicht, mit welchen Farben sie malen und wie die Linien aussehen, die sie auf die Leinwand bringen, weil direkt vor dem Maul der Pferde ein toter Winkel ist. Aber sie spüren die Bewegung des Pinsels auf dem Malgrund und können das gemalte Bild sehen - im Nachhinein. Ihre Bewegungen sind stimmungsabhängig - mal ruhig und fröhlich, mal nervös und fahrig-impulsiv... in den Bildern finden diese Gefühle direkten Ausdruck.

Wenn dann ein Bild „gelingt“, ist das ein Kunterbunt aus der Freude und Neugier des Pferdes, dem künstlerischen Beitrag des „Assistenten", der die Farben bereitstellt, und einer gelungenen, vertrauensvollen Kommunikation - ein Sinnbild für die Verständigung zwischen Tier und Mensch.

Mag. Silke Stolz und Nanu

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