Keine Globuli ohne saubere Anamnese

Die Stute Lava hat ein Problem mit dem ISG, das alleine mit Homöopathie nicht lösbar ist. Das hat Dr. G. Wiebusch sofort erkannt, kann sie mit Homöopathie aber unterstützen. Foto: J. Woost

Bereits schulmedizinisch behandelte Tiere sind für die Homöopathie oft verloren


Tierarztpraxen bieten inzwischen Homöopathie mit an, weil die Kundschaft es erwartet. Offensichtlich ohne akademisches Wissen darüber, dass Komplexmittel, wie Firmen sie als Injektionen oder für orale Therapien anbieten, nicht mit klassischer Homöopathie vergleichbar sind. Im Gegenteil! Tiere, die bereits schulmedizinisch versorgt wurden, leiden unter der Unterdrückung der Symptome, doch Heilung geht anders. Vor allem bei chronischen Prozessen ist die Wurzel des Übels zu finden, auf dem allopathischen Weg allerdings fast unmöglich: Daher ist ratsam, zuerst mit Homöopathie zu arbeiten und erst dann mit der Schulmedizin, wenn das richtige Mittel nicht mehr zu finden ist. Sonst führt es nämlich dazu, dass Homöopathie als Humbug bezeichnet und vielleicht bald in Deutschland verboten wird.

Eine „Fallstudie“. Die Stute Lava (Name geändert) wurde dreijährig teuer gekauft als Springpferd für eine Abiturientin, wobei schon auffällig ist, dass auf der Mutterseite ausschließlich Dressurblut im Papier steht. Leider verletzte sich das Pferd im neuen Stall schwer an der linken Hinterhand und die Klage auf Rücknahme gegen die Züchterin scheiterte, da die Schlagverletzung ganz klar selbst verursacht war. Was nun tun? Behandelt wurde die Verletzung nur kurz, die Stute stand zwei Jahre in der Box, ohne das linke Hinterbein richtig belasten zu können. Der Stallbesitzer meinte, wenn sie nicht mehr reitbar sei, könne das Mädchen doch mit ihr züchten, suchte einen Hengst aus und ließ Lava besamen. Trotz Beckenschiefstands und wohl auch Schmerzen brachte Lava ein gesundes Hengstfohlen und war dann „über“. So kam sie auf den Hof zur Therapie bei Karola Bady, sechsjährig, nach dem Absetzen.

Im Vorfeld hatte Karola Bady sich das Pferd angesehen und in Bewegung zeigen lassen. „Vor allem der Zustand der Hufe war ein Schock für mich“, erinnert sie sich genau an die „Handschrift“ eines Schmiedes. „Es war mir schnell klar, dass die Besitzerin nicht bereit war, noch Geld in das Pferd zu stecken“. Vom Tag des Abfohlens an ist das Pferd nicht mehr durchgängig geimpft worden, für Karola Bady aber nicht von Nachteil. Lava ist dann der Fall geworden, der dokumentiert, wo Homöopathie an die Grenzen stößt, aber eben auch, dass viele Therapeut*innen in
der Anamnese und der Wahl der passenden Mittel zu sehr an der Oberfläche bleiben. Ein paar Wochenendkurse reichen dafür einfach nicht aus.


Die ersten drei Monate sollten für Lavas Schicksal entscheidend sein. Eine bekannte Tierarztpraxis hatte die Stute für das Gericht als bedingt einsetzbar abqualifiziert, als sie auf den Reha-Hof kam. Während der Eingliederungsphase in die kleine Gruppe hat Lava, wie sie von diesem Tag an gerufen wurde, bewiesen, dass sie um ihr Leben kämpfen würde: den großen Wall auf dem Reitplatz galoppierte sie mit den anderen vier Pferden hinauf und hinunter, auch mal an der steilsten Stelle. Die auf dem Platz arbeitende Reitlehrerin Barbara Fronz mochte erst gar nicht hinsehen: „Die soll was an den Knochen haben?“, kommentierte sie Lavas Lebenswillen.


Erste Maßnahme war, die Hufe in einen Zustand zu bringen, der es Lava erlaubt, das Gewicht wieder möglichst gleichmäßig auf alle vier Beine zu bringen. Zeitgleich ist die Therapie die übliche, mit dem Einsatz einer Magnetfelddecke, Umstellung der Fütterung, Massagen und Handarbeit, Besuch des Tierarztes und Akupunktur. Lava zeigt sich besonders der Tierheilpraktikerin gegenüber skeptisch und lässt sie nur eine Nadel am Hals setzen, danach ist Schluss mit lustig, sie fängt an zu treten. Überhaupt scheint die Psyche des Pferdes zu sagen, dass ihr nichts fehlt und dass sie keinesfalls behandelt werden möchte. Weiß Lava etwa, wie eng es für sie wird? Röntgenbilder liegen vor, es werden aber auch neue gemacht. Es entwickelte sich eine leichte Schale, die sich aber in den drei Monaten nicht verschlechterte.


Nach sechs Wochen Handarbeit beginnt Karola Bady das Anreiten ganz von vorn, aber mit einem passenden Sattel und gebissloser Zäumung. Tierärztliche Besuche hat Lava anfangs vereitelt, weil sie nicht sehr kooperativ war. So stellten sich auf dem Hof diverse Helfer vor, die von Tierarzt bis Physio und Osteo alle Fachgebiete abgedeckt haben, auch der Dentist war da. Allen Besuchen war eins gemein: Lava wollte nicht angefasst werden! Als die Rechnungen für die Therapie den „Wert“ des Preises zu übersteigen drohten, stellte sich die Frage, was aus Lava werden soll. Nach zähen Verhandlungen über fünf Monate ging sie in den Besitz von Karola Bady über, da die Besitzerin sie nicht zurück wollte.

Foto: Ganz neu Anreiten mit sechs Jahren.

 

Die Stutenprüfung hätte Lava jetzt vermutlich mit ganz anderen Noten absolviert, ohne Schmerzen und mit guten Hufen, schon nach vier Monaten Therapie. Lava hat diesen Einsatz belohnt: genau auf diesem einen Bein war sie niemals lahm. Von da an gesellte sich Dr. Günter Wiebusch aus Burladingen zum Therapieteam hinzu, er behandelt in seiner Praxis seit über 40 Jahren fast ausschließlich homöopathisch.


„Ich will nicht schon wieder aus der Ferne Besserwissern, zumal ich sicher vieles wirklich nicht besser weiß. Bei einer homöopathischen Anamnese wird die Gesamtheit ihrer Symptome ermittelt und dazu ihre hereditäre und erworbene miasmatische Belastung“. Klingt erst einmal nach einer hohen Rechnung? Alles zusammen gibt Hinweise, für die richtige (individualisierte) Mittelwahl, wobei Karola Bady wenig über die Vorgeschichte weiß und nur mit Hilfe der Unterlagen ahnt, was mit Lava vorher angestellt wurde, inklusive Impfungen und Schmerzmittelinjektion. Sie ist vor Ort, mit allen Sinnen beschreibt sie dem Tierarzt von der schwäbischen Alb, Lava in allen Facetten, bevor der Tierarzt selbst anreist. „Es gibt in der Homöopathie keine standartisierte Behandlung, z.B. Borreliose-Nosode bei Borreliose oder immer Ledum oder seit Peter Alex (Autor) Aurum arsenicosum. Eine Nosode kann man z.B. geben, um einen Fall aufzuschlüsseln. Man muss aufpassen, dass man damit nicht rein isopathisch behandelt“, erklärt er seine Vorgehensweise. „Ledum und Aurum arsenicosum sind höchstens bewährte Indikationen, ihr routinemäßiger Einsatz bei jeglicher Borreliose ist unhomöopathisch!“ – gut zu wissen, was er alles weiß.


Die Gesamtheit ihrer Symptome führt zum richtigen, heilenden Mittel bei Lava, und da es inzwischen eine chronische Erkrankung ist, geht es nicht ohne Hahnemanns und seiner Nachfolger Miasmenlehre. Theorie, die Praxis ist weit schwieriger. Dazu Dr. Wiebusch: „Ich möchte, dass die Homöopathen sich auch an die Regeln der Homöopathie halten. Sonst erweisen sie der Homöopathie einen Bärendienst, weil sie zu oft scheitern“. Bevor er Lava nun eine passende Folge an Mitteln aussucht, stellt er fest, dass zuerst das orthopädische Problem des Beckenschiefstands und damit die Überlastung des ISG (Ilio-Sakral-Gelenk) gelöst werden sollte. Dafür reist die FN Physiotherapeutin Christina Langen aus Hessen an, zweimal im Jahr.


Dr. Wiebusch ergänzt: „Der Einsatz homöopathischer Mittel nach klinischer Diagnose und ohne Individualisierung durch das Ermitteln der Gesamtheit der Symptome hat mit Homöopathie soviel zu tun wie Uran mit Urin“. Humor hat er nämlich auch. Nach einem Jahr ist Lava zu einem zuverlässigen und gesunden Reitpferd geworden. Mit viel Vertrauen in ihre neue Reiterin und als wichtiges Mitglied der kleinen Gruppe, in der sie von einem rangniederen Pferd zu einer selbstbewussten Dame wurde. „In den elf Jahren, die sie jetzt bei mir ist, hatte sie hin und wieder Zipperlein, auch an den Hufen“, zieht Karola Bady ihr Resümee, „sie ist manchmal etwas tolpatschig“. Aber das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte war immer da: Lava ist jetzt 18.

Vernachlässigte Hufe - Lava lief auf der Sohle. Erste Maßnahme war, die Hufe in einen Zustand zu bringen, der es Lava erlaubt, das Gewicht wieder möglichst gleichmäßig auf alle vier Beine zu bringen.

Linus ist zwar nur 1.20 m, aber hält sich für einen großen Holsteiner Hengst…er ist der einzige, der Lava im Griff hat.Foto: Christiane Mund, Bückeburg


*Dr. Günter Wiebusch führte seine Tierarztpraxis in Burladingen bis zum Ruhestand fast ausschließlich mit Hilfe klassischer Homöopathie und erzielte auf diesem Weg große Erfolge selbst bei aussichtslos scheinenden Patienten, die bei Kolleg*innen als austherapiert galten. Nach dem Studium der Veterinärmedizin in Hannover bemerkte Günter Wiebusch schnell, dass sein Studium weniger der Heilung der Tiere galt, als eher der ökonomischen Ausrichtung einer Tierarztpraxis. So kam er zum Studium der Homöopathie bereits in jungen Jahren und lehrt das inzwischen in Seminaren wie in München. Eigene Fortbildungen besuchte Dr. Wiebusch meistens in Österreich, wo nur Tierärzten erlaubt ist, Homöopathie anzuwenden, die nicht in ein paar Kursen erlernbar ist, wie er selbst immer sagt."


Über die Autorin:

Karola Bady

Pferde spielen eine wichtige Rolle im Leben der Redakteurin, die für die Schaumburger Zeitung, der DWZ in Hameln und Sport BILD gearbeitet hat.Seit der Jahrtausendwende ist Karola Bady Tierpsychologin für Pferde und bietet auf ihrem Hof in Oldendorf bei Himmelpforten, Kurse und Seminare rund um die Verhaltenskunde der Pferde an. Außerdem finden hier kranke und psychisch auffällige Pferde ein Team von Experten, die sich um das Wohlergehen der Vierbeiner kümmern.

Mehr Infos unter www.pferde-auf-die-couch.de

 

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