Rehe bei Kutschpony Linus

Hufrehe, Rehe, Behandlung, Hufkrankheit PferdFoto links: Linus vor dem Reheschub.

Der lange Heilungsweg von der Diagnostik bis zur Hufumstellung erfordert viel Geduld


Jetzt habe ich seit fast fünfzig Jahren Pferde, aber Rehe hatte ich noch keine! Bis eines Tages das Kutschpony auf der Hengstweide klare und eindeutige Anzeichen für diese Erkrankung aufgewiesen hat: es kam schlingernd entlang des Grabens auf mich zu, mit Durchfall und Kotwasser, matter Ausstrahlung, hängendem Kopf. Wie jemand, der am Vorabend ordentlich dem Alkohol zugesprochen hat. Das erfordert sofortiges Handeln. Aufladen und nach Hause auf den Hof holen, ist die erste Maßnahme von vielen. Ob es nun eine Vergiftung durch ein Kraut wie Schachtelhalm war oder Rehe, war unklar.

Das Schicksal ereilte Linus im Juni 2017: Beim Aufenthalt auf einer vermutlich gedüngten großen Wiese mit dem fetten Hochleistungsgras für Kühe, die wir gerade erst als Hengstweide frisch übernommen hatten, kam der kleine Schimmel am zweiten Tag schlingernd an. Obwohl gar nicht klar war, was ihn plagte, wurde er sofort nach Hause geholt auf den sandigen Winterauslauf. Fieber hatte Linus nicht, die Temperatur war aber leicht erhöht. Der Tierarzt kam, aber die Diagnose war nicht gleich eindeutig. Daher sollte Linus auch keine Schmerzmittel haben, damit er nicht von Schmerz befreit hinter den Stuten her tobt und einen Hufbeindurchbruch riskiert!


Die kleine Ponystute, die ähnlich mollig war und bei gleicher Fütterung, ähnlicher Arbeit und in einer passenden Herde gehalten wird, gab es keine Symptomatik. Aber sie wird seit Jahren von einer anderen Hufpflegerin betreut als Kutschpony Linus.


Keine Entzündungshemmer, keine Antibiotika, heißt die Entscheidung, wenn nicht eindeutig feststeht, was die Ursache ist. Nur die üblichen Mittel sind hilfreich, wie die Weidenrinde, Stoffwechselkräuter, Umschläge, Wasserbäder, gutes Heu, Mineralien und täglich eine Handvoll Quetschhafer mit Leinöl. Ja, Hafer, denn auch bei Rehe braucht das Pferd Energie/Eiweiß, um sich der Erkrankung wehren zu können. Dazu gehört Heu gegen Langeweile. Was absolut verboten wird, sind zusätzliche Kohlehydrate (Zucker jeder Art, auch die und besonders die aus Äpfeln und Möhren)!


Nach der Blutabnahme und der Antwort aus dem Labor ist immer noch nicht eindeutig die Ursache feststellbar, ähnlich wie bei Tests auf Borreliose. Linus zeigt Parameter, die für Cushing sprechen, aber auch EMS, jedoch nichts davon ist eindeutig. Die hohen Werte sind vielleicht auch Anzeiger, dass es eine schwere Rehe ist mit Überlastung des Stoffwechsels. Im Gegensatz dazu zeigen die Hufe die Wurzel des Übels: das Pony steht zu steil und hinten erhöht, also rutscht die ganze Chose ausgerechnet vorn in die Zehe. Frauen, die Highheels tragen, wissen das. Dazu muss erklärt werden, dass auf dem Hof zwei Hufbearbeiter mit unterschiedlichen Ansätzen beschäftigt sind. Diese ist die falsche. Doch das dem (Mit-)Besitzer zu vermitteln, gestaltet sich fast schwieriger als die Diagnose! So ein Jahr Therapie kann nämlich auch sehr teuer werden.


Ein langer Heilungsweg
Linus liegt jetzt an den ersten Tagen tatsächlich viel. Das tut in der Seele weh und weckt das Verständnis für jeden, der diesen langen und schmerzhaften Weg mit dem Pferd oder Pony nicht gehen mag. Aufgeben ist aber keine Option! Das Vertrauen in die Selbstheilungskraft und das natürliche Verhalten, dass sich ein krankes Pferd selbst schont, ist so groß, dass weiterhin der Einsatz von chemischen Schmerzmitteln eher hinderlich wäre. Linus hat hohe Leberwerte, den Organismus jetzt noch mit Chemie zu belasten, wäre kontraproduktiv, ja.

Foto: Hier droht ein Hufbeindurchbruch! Fotos: Privat (Karola Bady, Jörg Woost)


Hoffnung macht ein Wechsel der Hufbearbeitung auf Probe: Anja hat ihre Ausbildung bei Dr. Hiltrud Straßer gemacht und obwohl deren „System“ in der Pferdewelt umstritten ist, habe ich persönlich bei ihr nicht nur Hufkurs und Vorträge belegt, sondern auch gute Erfahrungen gemacht. Es hat schon manchem Kandidaten auf dem Hof hier das Leben gerettet. Nach dem ersten Schnitt steht Linus entsprechend auch schon anders da. Die typische Rehehaltung mit untergeschobenen Beinen hatte er kaum, jetzt gar nicht mehr, er belastet wieder alle Viere und entspannt sich im Gesicht deutlich. Die Anpassung der Trachten und Zehen hinsichtlich der bodenparallelen Hufbeine zeigt ihre Wirkung sofort. Leider hat der kurzfristige Einsatz der ehemaligen Hufpflegerin alles gleich wieder zunichte gemacht und das Hochstellen der Trachten verschlimmert die Lage erneut. Linus steht wieder am Anfang der Hufumstellung.


Die Auseinandersetzung mit dem „Anteilseigner“ ist inzwischen schlimmer als die Sachlage für das Pony selbst, das sich unter der entsprechenden Umstellung der Hufe entspannt hat: Linus geht schon wieder auf eine der Stuten los und buckelt auch bei Spaziergängen. Das fruchtet endlich auch beim Menschen und das „Go!“ für Anja als Hufbearbeiterin kommt. Damit lässt sich arbeiten, denn jetzt wird alle zwei Wochen die Stellung vorsichtig korrigiert. Nach drei Monaten sind schon Rillen (Abschnürung!) im Horn nach unten gewachsen, das erste Narbenhorn ist deutlich zu sehen. Bei der Vorstellung, was im Huf los ist, wird mir übel. Doch Linus entlohnt alle Mühe, denn er fängt wieder an, sein ursprüngliches Verhalten zu zeigen, läuft viel mehr und besser. Die Futterumstellung kommt auch deutlich zum Tragen.


Vorher hatte Linus gern Eichen genascht und immer irgendwo auf dem Platz auch Eicheln gefunden. Dazu kommt, dass er bei der externen Aufzucht beim Vorbesitzer auf extrem kurzem Gras lief, was für fettleibige Kandidaten von Nachteil ist. Sonneneinstrahlung wirkt auf kurze Halme eben doppelt stark und Zucker/Fruktan auf „engstem Raum“ dramatisch. So ist die nächste Maßnahme, die Bäume auf dem Hof auszuzäunen und Linus nicht mehr auf kurzes Gras zu lassen, wenn überhaupt, dann auf den Teil mit Steppengras. Also trocken bis hin zu langen Stängeln, die kann er dann schnittweise portionieren und macht das auch. Naschen gesenster Brennnesseln und Disteln tut eben falls gut. Die Isolation von der Herde würde ihm nur Stress machen, den braucht er garantiert jetzt nicht. Auch keine Sandkolik.


Im Fall von Reheproblemen müssen sich Mensch und Pferd auf ein Jahr einstellen, in dem das Horn von oben nach unten einmal komplett ersetzt wird. Auf viele Maßnahmen in der Haltung und Fütterung, die Mühe kosten und Einsatz erfordern. Aber wenn ein Rehepony mit der hohen Belastung, wie Linus sie durch seine Stoffwechselerkrankung hatte, nach relativ kurzer Zeit wieder buckelt und laufen kann, ohne große Schmerzen, dann gelingt das und tut auch der Menschenseele gut. Die Blutwerte und der Zustand lassen übrigens weiter keinen Schluss zu, dass Linus Cushing oder EMS hat. Sein Fell kräuselt sich nicht und auch der Fellwechsel läuft relativ normal ab für ein Pony von fünfzehn Jahren. Aber er speckt ab. Hiltrud Straßer ist Verfechterin der These, dass Cushing und EMS nicht relevant wären, wenn die Hufbearbeitung und Haltung der Equiden stimmt: „Daran verdienen sonst doch nur die Tierärzte“. Die Futtermittelindustrie aber auch?


Über das Jahr kommen immer wieder Rückfälle, wann immer der Stoffwechsel durch Fütterung oder Haltung entgleist. Prinzipiell war das Pony jeweils nur kurz halbwegs schmerzfrei, lahmte mal mehr vorn links, dann wieder alle vier Hufe, schob die Hinterhand unter, lag viel, das ganze Programm. Ausgiebiges, glückliches Wälzen wie auf dem Foto oben war eher selten zu sehen. So passte sich auch die Therapie an, bis das Hufbein die nötige Stellung hatte und sich das Gewicht auf allen vier Hufen gleich verteilte. In der Zeit hat Dr. Straßer via Mailing immer Mut gemacht und erklärt, warum ein Pferd mit einem bodenparallelen Hufbein keine Rehe bekommen KANN, da wird nichts gequetscht und die Blutzirkulation transportiert (ohne Eisen eben!) die Schadstoffe ab. Vor allem das Eiweiß.
Da Linus zwischenzeitlich immer mal wieder mit Kotwasser anzeigt, dass die Fürsorge nicht in allen Bereichen hundert Prozent gleich bleibt, kommt der Fütterung große Bedeutung zu. Ich schätze mal, dass es keinen Futterzusatz gibt, den ich in der Leidenszeit nicht ausprobiert habe! Bierhefe, Kräuter, Detox mit Zeolith, Darmsanierung, EM Bokashi, EM flüssig, später Ostpreußenkräuter, Multiflex zusätzlich zu Hoof & Health aus England, Heilerde innerlich und äußerlich. Ganz wichtig ist und bleibt die Graslänge und –sorte! Fettes Gras und kurze Halme sind lebenslang verboten. Inzwischen nimmt Linus auch die selbst gebaute Schwemme an und watet hindurch. Es ist kein Zufall, dass diese sich direkt am Tor zum Obsthof befindet, in den er gern möchte!


Was für die Ponyseele wichtig war, also die Haltung innerhalb der gewohnten Herde, bekam der Körper an Wohlgefühl von außen. Täglich die Therapie mit der Magnetfelddecke, 20 Min. Programm 01. Umschläge mit Sauerkraut, auch mal Kohlblättern, Kartoffelbrei und täglich Wasserkühlung. Der Durchfall seit Weihnachten war mit EM Bokashi schnell besser, die Gärung ist aber noch immer da, ergo hat Linus weiter „Raketenantrieb“ und leider noch manchmal Kotwasser…bis über den Winter 2019/20.


Auch wenn jetzt die Gegner der Homöopathie aufbegehren wollen, den entscheidenden Test in der Woche nach Ostern 2018 hat Linus durch D12 Calcium fluoratum Globuli; er„läuft sich ein“, geht neuerdings mehrfach selbst kurz durch die Schwemme, die ich extra zum „Duschen“ der Hufe gebaut habe. In freier Natur baden Pferde die Hufe täglich an einer Wasserstelle, wenn sie zum Trinken kommen. Das konnte ich selbst bei Studienreisen nach Namibia und in der Zeit in Andalusien erleben. Nun fehlt lediglich das perfekte Rezept gegen das Kotwasser, das immer noch mal auftaucht. Nach inzwischen drei Jahren kann ich aber sagen, dass sich der Einsatz für alle gelohnt hat! Dank der Beratung durch Dr. Günter Wiebusch, Burladingen, hat die mehrtägige Gabe einer Q-Potenz Calcium fluoratum im Juni 2019 den Durchbruch bewirkt: seither ist die Rehe nicht wieder aufgetaucht. Was in erster Linie der Hufbearbeitung zu verdanken ist. Pure Diät ist dagegen kontraproduktiv!

Foto oben: Lucie sieht die Schwemme skeptisch!


Am erfolgreichen Ende einer solchen, mit hohem Aufwand betriebenen Therapie steht nun der Gedanke, dass nichts, was passiert, nicht auch etwas Gutes bewirkt. Früher haben die Schmiede immer dazu geraten, die Hufe zu fetten, was leicht zum Austrocknen führt. Da gab es Bücher, die sogar den Einsatz von Hufteer gegen Strahlfäule empfohlen haben? Ohne, dass ein Huf vorher Feuchtigkeit speichern konnte, ist das leider pures Gift. Genau gesagt, immer! Da ich mit allen Pferden, die mir begegnen, auch weiterhin Lernprozesse durchlaufe, hat Linus mir mit der Rehe viele Erkenntnisse beschert und bestätigt. Vieles habe ich wieder verworfen und bin zurück zu den Wurzeln, also nicht als Futter, sondern weg von Futterzusätzen. Ein Rezept habe ich gerade selbst bei einem anderen Pferd eingesetzt: Rizinusöl nach dem Wässern der Hufe, regt die Collagen-Produktion an. Deutlich sichtbar am „Blättern“ alter Hornschichten, die weg müssen. Ich möchte aber lieber nicht wissen, was Dr. Straßer dazu sagen würde. Zur Beruhigung anderer Leidensgenossen kann ich noch anfügen, dass ein Wegbrechen von Horn ganz normal ist, falls die Form der Hufe noch nicht stimmt. Es brechen die Teile weg, die alt und porös sind, oft genau die „Schwebe“.


Fotos Karola Bady (5), Jörg Woost (2), privat (1) Autorin: Karola K. Bady


Foto links: die schlimmsten Bilder halte ich lieber zurück, aber hier ist schon zu sehen, wie das Kürzen der Zehe die Lage verbessert. Zwar sind die Trachten noch zu stark untergeschoben, aber auch das hat sich schon im ersten Halbjahr verbessert. Auch gut zu sehen sind die Einschnürungen, die Hornrillen, die einen langen Heilungsprozess begleiten, der durchaus ein Jahr dauern kann, bis das Horn so wächst, und der Abdruck auf der Gummimatte zeigt, dass der Strahl nur bedingt trägt. Dafür aber der Tragrand, so soll es sein! 


Deutlich zu sehen ist das Narbenhorn unten an der gekürzten Zehe(rot ist das Narbenhorn, weiß die weiße Linie darüber. Weiter oben, am Kronsaum, ist die letzte Einschnürung sichtbar etwa einen Zentimeter im neu gewachsenen Horn. Nach einem Jahr ist alles glatt gewachsen.

 


Über die Autorin:

Karola Bady

Pferde spielen eine wichtige Rolle im Leben der Redakteurin, die für die Schaumburger Zeitung, der DWZ in Hameln und Sport BILD gearbeitet hat.Seit der Jahrtausendwende ist Karola Bady Tierpsychologin für Pferde und bietet auf ihrem Hof in Oldendorf bei Himmelpforten, Kurse und Seminare rund um die Verhaltenskunde der Pferde an. Außerdem finden hier kranke und psychisch auffällige Pferde ein Team von Experten, die sich um das Wohlergehen der Vierbeiner kümmern.

Mehr Infos unter www.pferde-auf-die-couch.de

 

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