Pferde damals und heute – geliebt, genutzt, gequält – Teil 1 

Barockpferde, Tierwohl, Pferde als Fleischlieferant, Tierschutz, PferdeherdenKathrin Kofent setzt sich für das Tierwohl ein | Foto: Jennifer Mrozewski

Das Pferd – ein „Nutztier“? Rinder, Schweine und Schafe zählen wir im allgemeinen Sprachgebrauch zu den Nutztieren. Sie liefern Fleisch, Milch, Wolle und Leder. Doch wie ist es beim Pferd? 

Vom Wildtier zum domestizierten Tier 

In frühester Steinzeit, als die Menschen als Jäger und Sammler das Land durchstreiften, folgten sie den Pferdeherden, um sie als „lebenden Proviant“ zu nutzen. Im späteren Verlauf versuchten sie die Pferde auf ihren Wanderschaften zu besonders guten Weidegründen zu lenken, denn davon profitierten beide Seiten. 

Lange waren der genaue Ort und der Zeitpunkt der Domestikation des Wildpferdes umstritten. Forscher des Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung, des Deutschen Archäologischen Institutes (beide in Berlin) und des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchten in Kooperation mit amerikanischen und spanischen Spezialisten sehr alte DNA-Proben. Mithilfe der Analyse von Farbgenen gelang es ihnen 2009 das Rätsel zu lösen: Wildpferde wurden im 3. Jahrtausend v. Chr. in der Ponto-Kaspischen-Steppe (heutiges Russland, Kasachstan, Ukraine, Rumänien) domestiziert. 

Bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. waren die Pferde in ganz Europa verbreitet. Mit einem Stockmaß von 120 Zentimetern waren sie relativ klein. Zunächst dienten sie als Zugtiere. Funde, die das Reiten in unseren Breiten belegen, finden sich erst ab der Eisenzeit, also ab 800 v. Chr. In den folgenden Jahrhunderten war das Pferd ein unverzichtbarer Begleiter des Menschen. Viele Kriege wurden auf dem Rücken der Pferde gewonnen und neue Lebensräume erst dank ihres Einsatzes erschlossen. Und für die Landwirtschaft wurden sie zu unverzichtbaren Arbeitstieren, die Egge und Pflug zogen und die schweren Wagen mit der Ernte heimbrachten. 

 

Pferde im Krieg und als Freizeittier 

Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten rund drei Millionen Pferde und Maultiere als Reit-, Zug- und Tragetiere allein in den Diensten der deutschen Wehrmacht und leisteten Unglaubliches. Über 60 Prozent von ihnen starben im Kriegsgeschehen. Nach dem Krieg nahm die Technisierung in der Landwirtschaft ihren Lauf. Die Arbeitspferde wurden von Beginn der 50er bis zum Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts weitestgehend durch landwirtschaftliche Maschinen ersetzt. Gab es laut Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN = Fédération Équestre Nationale) im Jahre 1950 noch 1,57 Millionen Pferde in der damaligen Bundesrepublik Deutschland, so waren es 1970 nur noch 252.000 Tiere. 

Umgekehrt wurden Pferde als Freizeitpartner in der Reiterei immer beliebter. Es entstanden Pensionsställe und Reitschulen. Mehr als 1,25 Millionen Pferde und Ponys leben in Deutschland und es gibt rund 2,3  Millionen Menschen, die regelmäßig bis gelegentlich reiten, Kutsche fahren oder voltigieren. Die Reiterei ist mittlerweile ein beliebtes Hobby in Deutschland. Deswegen wurden Reitsport und Freizeit-Pferdehaltung zu sehr wichtigen Wirtschaftsfaktoren. 

Doch so vielfältig wie die Pferderassen – vom Minishetty bis zum schweren Kaltblüter – sind auch ihre Nutzung und ihr Stellenwert in der Gesellschaft. Einerseits sind sie Freizeit-Reitpartner, Sportpferde, Kutschpferde, Zugtiere in Holz-Rückebetrieben und Touristenattraktionen, andererseits aber auch Milch- und Fleischlieferanten. Desweiteren liefern trächtige Stuten über ihr Blut und ihren Urin wichtige Grundstoffe für Hormonpräparate für Mensch und Tier. 

Auf der einen Seite sehen wir in dem Hobby-Pferd einen geliebten Begleiter, der im besten Aktiv-Laufstall und auf großzügigen Weiden mit seinen Artgenossen seinen arteigenen Bedürfnissen nachkommen darf und ein langes friedliches Leben führt. Auf der anderen Seite leidet zum Beispiel das Haflingerfohlen, welches nach vier bis sechs Monaten auf der Alm lange Transportwege und eine häufig folgende Anbindemast ertragen muss, um am Ende seines kurzen Lebens in einem süditalienischen Schlachthof nach einem schlimmstenfalls auch noch falsch gesetzten Bolzenschuss qualvoll zu sterben. Bei keinem anderen Nutztier ist die Varianz der menschlichen Zuwendung so groß wie beim Pferd. 

 

Das Pferd als Fleischlieferant (Zahlen aus 2012)  

Nach Angaben der EU-Kommission verspeisen die EU-Bürger jährlich und wissentlich 110.000 Tonnen Pferdefleisch. 70.000 Tonnen davon stammen aus europäischer Zucht. Besonders die Italiener lieben Pferdefleisch. Etwa ein Kilogramm pro Kopf und Jahr verzehren sie, in Luxemburg sind es 600 Gramm, in Frankreich 350 Gramm und in Deutschland nur zwischen 40 und 50 Gramm. Insgesamt wurden in Deutschland 2012 acht Millionen Tonnen Fleisch erzeugt, davon aber nur rund 3.000 Tonnen Pferdefleisch. 

Viele private Pferdehalter lassen ihre lieb gewonnenen Pferde bei unheilbarer oder schwerer Krankheit im heimischen Stall einschläfern. Deren Fleisch landet also nicht auf unseren Tellern.  2012 wurden in Deutschland trotzdem immerhin 11.250 Pferde für den menschlichen Verzehr geschlachtet. Sie stammten aus privater Hand, von Sportlern, Züchtern und von Landwirten. Das Leben dieser Pferde endete beim regionalen Pferdeschlachter. In den letzten Jahren ist die Zahl stark rückläufig. 2021 wurden in Deutschland  noch knapp 3500 Pferde gewerblich geschlachtet. In der gesamten Europäischen Union (EU) geht die Zahl in die Hunderttausende mit Schwerpunkt in Südeuropa. 

Die niedrigen Zahlen in Deutschland spiegeln lediglich die geringe Nachfrage nach Pferdefleisch im Inland wider. Der wirkliche Markt liegt anderswo. So wird ein großer Teil der Pferde nicht regional in ihren Heimatländern geschlachtet: Von Sammelstellen starten große Transporter aus Osteuropa (Polen, Rumänien, Ungarn oder Litauen), Spanien und Frankreich und bringen die Pferde auf bis zu 36 Stunden dauernden Transporten meist in süditalienische Schlachthöfe. Auch Pferde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz landen dort. Nicht wenige der Pferde sind bei der Ankunft am Ende ihrer Kräfte, viele von ihnen zudem verletzt. Da das Pferd ein Fluchttier ist und äußerlich klaglos auch starken Schmerz zu ertragen scheint, bleibt das wahre Leiden der Tiere oftmals verborgen. Pferde leiden still. 

Kathrin Kofent 

 

Über die Autorin

Kathrin Kofent ist Fachreferentin mit dem Schwerpunkt Rinder und Pferde bei der Tierschutzorganisation PROVIEH. Sie hat selbst viele Jahre lang ihre drei Ponys in Eigenregie am Haus im großzügigen Offenstall gehalten und lebt mit ihrem Partner, zwei Hunden und Kater Felix an der schönen Ostseeküste nahe Kiel.

 


PROVIEH ist Deutschlands erfahrenste Tierschutz-Organisation für “Nutztiere”. Seit 1973 setzen wir uns für eine artgemäße Tierhaltung und gegen die industrielle Intensivtierhaltung in der Landwirtschaft ein. PROVIEH arbeitet wissenschaftlich und sachlich. Das Wichtigste für uns ist das Verständnis von Nutztieren als intelligente und fühlende Lebewesen mit arteigenen Bedürfnissen und Verhaltensweisen. Deshalb setzt PROVIEH sich für eine artgemäße und wertschätzende Tierhaltung ein, die an den Bedürfnissen der Nutztiere ausgerichtet wird, anstatt sie als bloße Produktionseinheiten zu behandeln.

 

 

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