Pferdezentrum im hohen Norden: das Equine College Ypäjä

Equine College YpäjäDie weitläufigen Anlagen des Equine College / Foto: Archiv Ypäjä

Pferderassen | HRS 2-2015 | 26.05.2018

Was für Deutschland Warendorf oder die Schweiz Avenches ist, trägt in Finnland den Namen Ypäjä. Das dortige Pferdezentrum ist aus dem finnischen Nationalgestüt hervor gegangen und widmet sich nach wie vor der Zucht und Ausbildung der einzigen ursprünglichen Pferderasse Finnlands. Wenn von „Pferden im hohen Norden“ die Rede ist, geht es gewöhnlich um Isländer oder Fjord-Pferde. Die nach ihrer Heimat benannten Finnpferde sind in Mitteleuropa nur Wenigen bekannt. Zu Unrecht, wie ein Blick auf diese besondere Rasse und die finnische Pferdeszene zeigt.

Die Entstehung der alten nordischen Pferderasse

Die Geschichte des finnischen Pferdes beginnt um 1200. Damals tadelte Pabst Gregorius Gotländer, die ihre Pferde an die heidnischen Finnen verkauften – ein Indiz für den Wert, den die Pferde zu dieser Zeit verkörperten. Bereits im 14. Jahrhundert lobte Ola Magnus die hohe Qualität der finnischen Pferde, im 16. Jahrhundert untersagte Gustav Wasa deren Export und gründete Gestüte. Im 17. Jahrhundert wurden Finnpferde als Schlachtrösser berittener Finnischer Söldner, den Hakkapeliten, genutzt. Als Arbeitspferde in der Landwirtschaft erreichten sie im 18. Jahrhundert ein Stockmaß von unter 140 cm und ein Gewicht um 300 kg. Die besten Pferde gingen in den Friedensverträgen des Großen Nordischen Krieges an Russland. 1809 wurde Finnland zum russischen Großfürstentum. In der darauffolgenden Zeit wurden Finnpferde häufig mit russischen Militärpferden angepaart, außerdem fanden Kreuzungsversuche mit Norfolk Roadster und Ardenner Pferden statt. Um 1900 näherte sich das Durchschnittsstockmaß 150 cm.

Das finnische Nationalgestüt

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der finnische Nationalismus, der 1907 in die ersten Parlamentswahlen mündete. Im gleichen Jahr wurde das Stammbuch der Finnpferde gegründet. 1910 wurden über 200.000 Finnpferde gezählt. 1917 erklärte sich das Land für unabhängig. In den folgenden Jahren entstanden die Kavallerieschule und das Nationalgestüt. 1924 fand das erste Königsrennen, ein Trabrennen speziell für Finnpferde statt, das bis heute zu den größten Sportveranstaltungen des Landes zählt. Die Kavallerieschule und das Nationalgestüt wurden 1933 nach Ypäjä, unweit der Hafenstadt Turku im Südwesten des Landes, verlegt.

Das Gestüt hatte die Aufgabe, Reitpferde für die Zivilbevölkerung zu züchten, die Qualität der Landespferdezucht zu verbessern, sowie Reiter und Pferdepfleger auszubilden. In der Kavallerieschule wurden Pferde und Reiter für den militärischen Einsatz trainiert. 1955 wurde die Einrichtung mit dem veterinärmedizinischen Institut in Niinisalo zusammengelegt. Das Gestüt nutzte die durch den Umzug frei gewordenen Räumlichkeiten zur Ausdehnung seiner Aktivitäten. Pferdebezogene Ausbildung und Forschung gewannen zunehmend an Bedeutung. 1994 schlossen sich die Forschungseinrichtungen des Nationalgestüts mit dem landwirtschaftlichen Forschungsinstitut MTT zusammen und genießen heute international hohes Ansehen. Die finnische Reitschule und die Landwirtschaftsschule fusionierten 1993 zum Equine College.

Ypäjä Equine College

Die Einrichtung ist eine der größten Ausbildungsstätten auf dem europäischen Pferdesektor. Durch ein umfangreiches Lehrangebot und verschiedene Optionen für eine individuelle Ausrichtung, bietet das College vielseitige Ausbildungsmöglichkeiten in der Pferdebranche. Die weitläufigen Anlagen beinhalten verschiedene Stallkomplexe mit angegliederten Paddocks, großzügige Weideflächen, vier Reithallen, eine Trabrennbahn, eine drei Kilometer lange Strecke für Speed-Training, verschiedene Outdoor-Reitplätze und eine Vielseitigkeitsstrecke auf internationalem Niveau.

Die Einrichtung ist im Besitz des finnischen Staates, der Gemeinden Forssa, Jokioinen und Ypäjä, des Traber- und Zuchtverbandes, sowie der Reiterlichen Vereinigung Finnlands. Sie wird unter der Regie des Ministeriums für Kultur und Bildung betrieben. Rund 400 Reiter, Pfleger, Hufschmiede, Sattler und weitere in Pferdeberufen Beschäftigte nutzen jährlich die optimalen Bedingungen. In den Stallungen stehen über 300 Reitpferde, Fahrpferde und Traber. Davon gehören rund 130 Pferde dem College und zirka 30 dem MTT Horse Research Center. Die übrigen Pferde sind in Privatbesitz. Für Zwecke des Generhalts, der Ausbildung und der Forschung unterhält das College eine Stutenherde mit rund 30 Stuten, die etwa 15 Fohlen im Jahr bringen.

Ypäjä ist Schauplatz verschiedener Pferdezucht- und Pferdesport-Veranstaltungen. Dazu gehören Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitsturniere, Zuchtschauen, Fahrturniere und Trabrennen. Die wohl bestbekannten Events sind das Finnderby, ein internationales Springturnier, das seit 1973 ausgerichtet wird, und Suomenratsujen Kuninkaalliset, die Hauptreitveranstaltung für Finnpferde mit Meisterschaften für 3-, 4-, 5- und 6-jährige Pferde. Die wohl populärsten Finnpferde in Ypäjä sind die Stuten Ypäjä Tarja, im Besitz der Präsidentin Tarja Halonen, und Ypäjä Juulia, die dem finnischen Präsidenten Sauli Niinistö gehört.

In Ypäjä haben Pferdebegeisterte die Möglichkeit ihre Kenntnisse der Pferdekunde und des Sports bei verschiedenen Trainingseinheiten, Lehrgängen oder in der Reitschule zu vertiefen. In letzterer kommen vorwiegend Finnpferde, aber auch Warmblüter zum Einsatz. Im Sommer werden Camps für Jugendliche und Erwachsene veranstaltet. Für sportlich ambitionierte Reiter organisiert das College regelmäßig Lehrgänge mit internationalen Spezialisten aus dem Pferdesport. Ein Auditorium für 70 Personen, ein historischer Konferenzraum und zwei Restaurants stehen ebenso zur Verfügung wie Unterkünfte für Gäste, die fast alle mit einer traditionellen finnischen Sauna ausgestattet sind. So lässt es sich nach einer anstrengenden Trainingseinheit wunderbar entspannen. Besucher können die Anlagen in Ypäjä zu Fuß, zu Pferd oder per Kutsche erkunden. Egal, für welches Fortbewegungsmittel sie sich entscheiden, einen Besuch im finnischen Pferdemuseum sollten sie sich nicht entgehen lassen. Hier wird die Geschichte Ypäjäs und der Finnpferde anschaulich erzählt.

Königsrennen der Finnpferde / Foto: Archiv Ypäjä

Informationen: unter www.europeanstatestuds.org, www.marbach-classics.de, www.gestuet-marbach.de
Alexandra Lotz, ESSA-Geschäftsstelle E-Mail info@europeanstatestuds.org , Telefon +49 73 85 96 57 17

 

Quelle: Magazin Hofreitschule 2/2018 / Text: S. Siekmann / Foto: Archiv Ypäjä

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