Probereiten Pepper

Pepper mit Filzsattel Foto: K. Bady

Auf die Fotos, die ich schicke, bekomme ich schon als Antwort: der Preis ist ok, obwohl ich den extra hoch angesetzt hatte, damit sie Pepper nicht kaufen. Sie ist ein „Aufmerksamkeitsmagnet“, schreibt die Physio, die jetzt auf dem Hof für den Ankauf neuer Schulpferde zuständig ist. Mit ordentlichem Budget ausgestattet, immerhin, sonst kauft der Chef immer aus Konkursmassen Pferde billig ein.

Besuchstermin am Donnerstag: die Physio ist jünger, als ich erwartet habe, da stellt sich gleich die Frage, wo sie überhaupt Physio für Pferde studiert hat und ob das bindend ist, ob sie Ahnung hat. Auf dem Beifahrersitz des Kombis ein junges Mädchen, wohl kaum schon volljährig? Wieder eine Kraft auf der Anlage, die für das, was sie verursacht im Unterricht mit Kindern, haftbar sein wird, weil sie über den Arbeitgeber kaum ausreichend versichert sein dürfte. Jede Wette.
Beide folgen in die Seniorensuite und werden einem ersten Test unterzogen: was sagen sie über die beiden Stuten, von denen eine gerade eine Hufprellung vorn links hat, aber beide Vorderbeine sind zur Sicherheit eingepackt, da die Ursache der Lahmheit noch nicht identifiziert ist: kann eine Prellung sein, aber auch fütterungsbedingt, dann betrifft es alle vier Hufe, nicht nur einen. Minuspunkte in der B-Note: beide jungen Frauen erkennen weder das Alter der Pferde, noch die Lahmheit einer Stute. Zum Glück verkneifen sie sich jeden Kommentar zum Zustand der alten Stute, die 22 Jahre alt ist und für meinen Geschmack viel zu mager.
Der erste Anblick entlockt beiden ein entzücktes „die ist aber eine Schönheit“, als sie Pepper sehen. Die Stute hat von mir den Auftrag, sich nicht von der besten Seite zu zeigen, weil ich sie eigentlich gar nicht abgeben möchte, schon gar nicht in einen Schulbetrieb. Fachkundig schaut ihr die eine, die Physio, ins Maul, aber wozu? Als ich frage, ob sie das Alter schätzen möchte, sagt sie, darin wäre sie gar nicht gut. Stimmt, sie schätzt Pepper auf Acht oder Zehn. Klasse, Pepper ist unverbrauchte 15!

Dafür entgeht ihr mein Hinweis auf die Hufsituation wohl. Sie verplappert sich, dass sie Pepper longieren möchte, um sie möglichst schnell fit zu bekommen für den Schulunterricht. Als die Stute Ende Mai zu mir kam, hatte sie gruselige Hufe, lange nicht gemacht, und wenn, wohl vom Schmied, der nicht in der Lage war, die innere Wand des Hinterhufs so zu schneiden und zu raspeln, dass die Stute plan auftritt. Die Innenwand hinten links war so schief, dass ich mich gewundert habe, wie gut das Pferd damit laufen und springen konnte, als
ich sie Anfang Mai besucht hatte. Jetzt sind die Hufe zweimal fachkundig bearbeitet worden, die Schiefe ist nur noch erkennbar an der Außenstellung beider Hinterhufe. Geraspelt von mir jede Woche im Interval. Damit möchte die Physio ein älteres Pferd wie Pepper im Kreis longieren?
Mit dem Hinweis, dass ich das Pferd bisher noch nicht richtig reiten konnte, weil eben die Balance erst geschult ist, wenn Pepper auf allen vier Hufen plan fußen kann und Gewicht tragen wird, lasse ich Linus und Lucie mit Pepper auf die Winterweide, um den Galopp eines Hunters zu demonstrieren, den das Kaltblut x Quarter zeigt, und erzähle auch, dass sie auf der Flucht vor Zwerg Linus mal eben über den 1,30 m hohen Zaun gehüpft ist. Das rechtfertigt alleine schon den Preis. Die Frage, wer von beiden jetzt aufsitzen möchte, beantwortet die Physio mit Entsetzen: sie geht nicht auf Pferde, die sie nicht kennt. Wie will sie denn da Pferde für den Betrieb ausprobieren?
Pepper tut mir den Gefallen und mag nicht frei laufen. Auch Linus und Lucie toben nicht mit ihr, wie sie es sonst im Auslauf oder auf der Weide machen. Brav. Pepper sucht immer wieder die Nähe zu den beiden großen Stuten auf dem Futterplatz. Also hole ich den Filzsattel und das Reithalfter, wir gehen in den kleinen Obsthof und laufen im Schritt über die Stangen. Pepper geht gefällig. Mit der Demonstration, dass sie beim Gurten nicht mehr tritt, wie mir das damals beschrieben worden ist, biete ich an, dass ich mich dann eben drauf setze. Vom Block aus mache ich einen Satz auf Pepper und sie bleibt brav, geht dann auch im Schritt über den Platz und lässt mich auf ihrem Rücken Spirenzchen machen, die beweisen, dass sie auch ein gutes Therapiepferd werden könnte. Ich kann Pepper wenden, ohne den Zügel zu benutzen. Gebissloser Zaum ist bei mir Voraussetzung. Aber auf der Anlage, auf der diese beiden unterrichten, gibt es vermutlich weder passende Sättel, noch „Reiten mit ohne Gebiss“? Offenstallhaltung eh nur für ausgesuchte Gäste. Da wird Pepper so gar nicht glücklich werden und ich garantiere den Rückfall in ihre Störungen gleich mit.
Die Narbe am Widerrist, die den Satteldruck als Ursache für die Abwehr beim Gurten belegt, sehen die beiden Damen gar nicht oder es interessiert sie nicht. Die Physio fährt mit den lackierten Nägeln über den Rücken, was wohl demonstrieren soll, dass sie absolut Ahnung hat, wie ein Händler den Preis drücken möchte, wenn er auf einen schwachen Rücken verweist. Pepper hat nichts in der Art, sie kann nur ein Gewicht wie meins noch nicht wirklich ausbalancieren, dafür braucht es noch Zeit. Die ihr die beiden nicht geben werden, weil zum Oktober der Unterricht für Ferienkinder beginnt. Nein, meine beiden Lieben, für Euch ist Pepper unverkäuflich, unbezahlbar und nicht zu haben…
Die Frage, wieso ich das Pferd noch nicht im Training habe, die hatte ich doch im Vorfeld schon mit der Antwort bedacht, dass erst die Hufe in Ordnung sein müssen, dann die körperlichen Defizite behoben werden und dann erst ein Sattel drauf kann. Den ich für diese Maße natürlich nicht hier liegen habe, deshalb bisher der Filzsattel aus der Hofreitschule in Bückeburg. Deshalb kommt die Antwort nur noch mit meinem halbem Herzen: „Bin ich Bereiterin oder Therapeutin, das ist doch gar nicht meine Aufgabe, ein solches Pferd dafür zu trainieren, schnell nutzbar zu werden“. Pepper bleibt. Zum Glück handele ich nicht mit Pferden, bei mir werden sie gesund und bekommen eine neue Aufgabe, der sie gewachsen sind und die ihnen Freude bereitet.
Das ist meine Garantie und deshalb bemühen sich alle Pferde, die zu mir kommen, um einen festen Platz auf dem Hof. Ich kann sie nicht alle behalten, aber eine Stute wie Pepper ist geeignet, um ängstlichen Reitern die Furcht zu nehmen, mit ihrer ruhigen Art und ihrem freundlichen, verspielten Wesen. Das ist unbezahlbar. Mit 15 muss sie nicht mehr in einen Schulbetrieb, wirklich nicht…


Über die Autorin:

Karola Bady

Pferde spielen eine wichtige Rolle im Leben der Redakteurin, die für die Schaumburger Zeitung, der DWZ in Hameln und Sport BILD gearbeitet hat.Seit der Jahrtausendwende ist Karola Bady Tierpsychologin für Pferde und bietet auf ihrem Hof in Oldendorf bei Himmelpforten, Kurse und Seminare rund um die Verhaltenskunde der Pferde an. Außerdem finden hier kranke und psychisch auffällige Pferde ein Team von Experten, die sich um das Wohlergehen der Vierbeiner kümmern.

Mehr Infos unter www.pferde-auf-die-couch.de

 

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