Pferdefütterung - Darf’s ein bisschen mehr sein?

Die Zeiten der reinen Heu- und Haferfütterung sind längst passé, gleichzeitig ist das Bewusstsein zur Gesunderhaltung des Pferdes sowie seiner Fütterung in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Ergänzungsfuttermittel aller Art lassen sich in den Futterkammern finden – aber was benötigt ein Pferd wirklich?

Ernährungsphysiologisch ist das Steppentier Pferd auf eine beinahe kontinuierliche Nahrungsaufnahme ausgelegt, im Schnitt also ein Fressbedürfnis von 16 bis 18 Stunden pro Tag. Dabei kann das Pferd ca. 2,5 Prozent (laktierende Stuten bis zu 3,5 Prozent) an Trockenmasse in Bezug auf das Körpergewicht aufnehmen. Durch örtliche Gegebenheiten, vorhandene Platzverhältnisse, den Klimawandel sowie die Nutzung als Reit- und Kutschpferd ist es vielerorts nicht möglich, das Pferd ausschließlich durch Weidegang zu versorgen.


Misch- und Ergänzungsfutter
Der Markt bietet neben klassischen Einzelfuttermitteln wie Hafer und Mais eine Vielzahl an Mischfutter und Ergänzungsfuttermitteln. Dabei setzen sich Mischfutter aus verschiedenen Einzelfuttermitteln zusammen, um über eben diese Kombination und Zusammensetzung spezifische Anforderungen an die Versorgung eines Pferdes abzudecken. Beispiele hierfür sind Müslis und Pellets. Ergänzungsfuttermittel hingegen sollen – wie ihr Name bereits sagt – das Grundfutter ergänzen, damit der Bedarf des Pferdes mit Blick auf bestimmte Anforderungen oder die Zusammensetzung des Grundfutters gedeckt wird. Ein Beispiel ist ein vitaminisiertes Mineralfutter als Ergänzung zu einer HeuHafer-Fütterung. In den letzten Jahren erleben gerade Mischfutter und Ergänzungsfuttermittel einen regelrechten Boom. Neben dem gestiegenen Bewusstsein zur Pferdefütterung und Gesunderhaltung resultiert dieser allerdings auch aufgrund von Werbung, die dem Pferdehalter suggeriert, dass er genau dieses oder jenes Produkt für das Problem seines Pferdes benötigt. „Es gibt wirklich sehr viele gute Produkte auf dem Markt, das Problem liegt eher darin, dass die Hersteller mit den Ängsten der Pferdehalter spielen, Probleme suggerieren, die gar nicht da sind, und angeblich genau die entsprechende Lösung für ein gesundheitliches Problem bieten. Dabei wird der rechtliche Rahmen oftmals ausgereizt und es werden Produkte mit Gesundheitsaspekten auf den Markt gebracht, zu denen es gar keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt und deren Einsatz nicht gerechtfertigt ist“, erklärt Prof. Dr. Ingrid Vervuert, Fachtierärztin für Ernährung und Diätetik der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig.


Diätfuttermittel
Futtermittel mit tatsächlichem Gesundheitsaspekt werden Diätfuttermittel genannt. Deren Deklaration und Verwendung ist EU-rechtlich bestimmt und geschützt. „Die meisten Produkte sind keine Diätfuttermittel, sondern Ergänzungsfutter. Hier muss ganz klar differenziert und aufgeklärt werden, um Missverständnisse zu vermeiden“, sagt Prof. Dr. Vervuert, Spezialistin für Diätetik. Unter Diätfuttermitteln sind Futtermittel für bestimmte Ernährungszwecke zusammengefasst, die einen Krankheitszustand positiv beeinflussen. Diät darf dabei allerdings nicht mit Gewichtsabnahme verbunden werden, in diesem Fall spricht die Ernährungswissenschaft von Reduktionsdiät. In der Verordnung für Futtermittel mit besonderem Ernährungszweck wird dargelegt, zu welchen Zweck ein Futtermittel zum Einsatz kommt, die wesentlichen ernährungsphysiologischen Merkmale, die Tierart, die Kennzeichnung der Inhaltsstoffe, die empfohlene Fütterungsdauer sowie weitere Bestimmungen, darunter beispielsweise wesentliche Angaben auf Etiketten. Werden vor allem die Empfehlungen nicht erreicht, darf ein Produkt nicht als Diätfutter deklariert werden. Dennoch suggerieren die meisten Ergänzungsfuttermittel einen gesundheitlichen Aspekt. „Das bedeutet natürlich nicht, dass solche Produkte überhaupt keine Auswirkung auf die Gesunderhaltung des Pferdes haben. Liegt allerdings eine klinische Erkrankung vor, sollte auch auf zugelassene Diätprodukte zurückgegriffen werden, um dem Pferd gezielt zu helfen. Um dieses Bewusstsein zu fördern, ist eine korrekte Differenzierung zwischen den Bezeichnungen letztlich unumgänglich“, appelliert Prof. Dr. Vervuert.


Trends hinterfragen
Es ist Trend, für scheinbar jedes Problem ein passendes Ergänzungsfutter anzubieten. Daraus resultiert ein Sammelsurium verschiedenster Futtermittel, ohne die genaue ernährungsphysiologische Bedeutung für das Pferd zu kennen. Besonders kritisch ist es dann, wenn Misch- und Ergänzungsfuttermittel von verschiedenen Herstellern kombiniert werden. Alle Futtermittelhersteller unterliegen zwar strengen Vorgaben und Kontrollen, aber dennoch zielt jeder Hersteller auf ein anderes Konzept ab. Manche bieten mineralisiertes und vitaminisiertes Mischfutter wie Müsli an, bei dem dann kein zusätzliches Mineralfutter nötig ist (solange sich an die Fütterungsempfehlung gehalten wird) und andere Hersteller bieten es nicht mineralisiert an und setzen auf zusätzliches Mineralfutter. Ähnlich sieht es bei Ergänzungen für die Haut, die Muskeln oder die Hufe aus. Die Zusammensetzungen unterscheiden sich oft stark, wodurch Höchstmengen leicht überschritten werden können.
„Besonders Kombinationen aus verschiedenen Ergänzungsfuttermitteln sehe ich kritisch. Viele Produkte können sich in ihrer Wirkweise gegenseitig beeinflussen und sich sogar als gesundheitsschädlich erweisen“, sagt Prof. Dr. Vervuert. „Aller Überschuss muss letztlich vom Pferd entsorgt werden und strapaziert damit Organe wie Leber und Niere. Ein anderes Beispiel ist die wechselseitige Interaktion zwischen Mineralstoffen. Ein Calciumüberschuss beeinflusst zum Beispiel die Zinkverwertung nachteilig – daraus resultiert, dass durch eine Überversorgung auf der einen Seite auch ein Mangel auf der anderen Seite entstehen kann. Auch die Nachhaltigkeit sollte in den Fokus gerückt werden. Zink ist letztlich ein Schwermetall, das die Umwelt belastet und sollte deshalb nicht wahllos, sondern nur bedarfsdeckend eingesetzt werden“, erklärt die Spezialistin der Veterinärmedizinischen Fakultät.

Text: Lorella Joschko
Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem PM-Forum, dem Mitgliedermagazin der Persönlichen Mitglieder der FN. 

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