Lucie in der Hofreitschule

Hofreitschule BückeburgFoto: Lucie wartet brav vor dem Fotoladen in der Stadt, bis das „ Passbild“ fertig ist. (Foto: Christiane Mund, Bückeburg)

Fortbildung für Menschen und intelligenter Lernprozess für das Pony

Zuletzt hat die Hofreitschule in Bückeburg Schlagzeilen gemacht, weil durch die Corona-Maßnahmen und den zweiten Lockdown die Einnahmen ausbleiben, die den Betrieb über den Winter bringen sollten. Das Weihnachtsgeschäft mit den Aufführungen überbrückt sonst die Zeit, bis im März die Besucher wieder da sind, erklärte Christin Krischke gegenüber Hallo Niedersachsen im NDR. Um zu helfen und andererseits auch etwas zu lernen, hat sich Karola Bady aus Oldendorf im Norden Niedersachsens den Wunsch erfüllt, eine Woche als weekly student in der Hofreitschule in Bückeburg zu verbringen. Gerade, weil im eigenen Betrieb seit März „Corona-Flaute“ ist, quasi als Fortbildung. Die ehemalige Redakteurin, die in Bückeburg bei der LZ volontiert hatte und den Marstall noch von früher kennt, hatte genau in dieser Halle einst erste Springpferdeprüfungen geritten.*

Aufgeregt, wie seit Jahren nicht mehr, erzeugt die hohe Erwartung leichtes Drücken in der Magengegend: Lucie arbeitet das erste Mal mit Mann an der Hand, ist nur mit Halfter ohne Gebiss ausgerüstet und steigt den Meister an! Natürlich lobt jeder sein Pony bei der Vorstellung über den grünen Klee. Lucie ist ehrgeizig. Beim Abstreichen mit der Quittenrute steht das Pony gelassen, aber ihr ist das nach kurzer Zeit zu langsam und zu ruhig, sie geht sonst mit Lava als Handpferd ins Gelände oder „joggt“. Hier zeigt sie Spanischen Schritt ohne Aufforderung dazu, stampft energisch auf, drückt damit ihren Unwillen aus: „Mehr Tempo“, scheint sie zu sagen, aber die Ruhe in der Halle überträgt sich auf sie. Steigen wird getadelt, das Aufstampfen ignoriert der Chef.


Seitengänge sind das Lernziel. Es riecht nach Hengst. Lucie soll möglichst nicht in die Bahn rossen, das macht sonst die Schulhengste kirre. Am Ende der Stunde ein dickes Lob seitens Wolfgang Krischke: eine rossige Stute, die so konzentriert arbeitet, gefällt „Wolle“. Schulter herein, Travers und Renvers hat Lucie schnell verstanden. Statt Kappzaum oder gar Trense klappt es mit einem Paar Zügeln, die der Chef persönlich aus dem Stall hervor gezaubert hat. Auf Nachfrage seiner Schülerin nach der Zäumung: „Das geht alles auch am Halfter, wenn das Pony so gut mitmacht wie hier“. Lucie ist eher übermotiviert. Am zweiten Tag wird kurz wiederholt. Inzwischen pausiert sie brav und tänzelt beim Handwechsel nicht mehr um den Hofreitmeister herum.
Ganz besonders beeindruckend ist neben der Ruhe bei Menschen und Pferden die Pause nach gelungenen Lektionen: die Students bekommen von den Hofbereiter*innen anschauliche und verständliche Antworten, auch auf kritische Fragen, während sie am Nachmittag zusehen dürfen, wie die Schulhengste gearbeitet werden.


Am dritten Tag bin ich selbst dran mit Lucie und träume schon von Travers, Renvers und Traversale. Handarbeit daheim bedeutet für mich eher, dass ich hinter dem Pferd gehe und daher gut sehen kann, wohin ich stelle und biege. Bei meinem Unterricht achte ich relativ streng darauf, dass jede Hand auf ihrer Seite bleibt. Bei Lucie habe ich daher das Problem, dass ich beide Zügelhände auf meiner Seite haben soll und meine zweite Hand gern zurück auf die andere Halsseite wandern will. Die gehört hier auf Höhe des Rippenbogens und simuliert den Schenkel. Konzentriere ich mich auf die Hand, stört mich manchmal die Quittenrute, die hinten zart für die Stellung der Hinterhand sorgt.
Lucie beweist, dass sie ein geniales Lehrpony ist, denn gebe ich die richtigen Hilfen und bin in den Ecken schnell genug, macht sie alles wie abgefragt. Traversale mit Blick auf das Ziel, ich möchte jetzt ein Lob, weil ich die Ecke gut ausgeführt habe und bekomme das auch. Nicht nur Pferde lernen besser mit Lob statt Strafe. Muss ich zu lange über die Stellung und den Wechsel ins Renvers nachdenken, spiegelt Lucie das. Halten, nachdenken, weiter.

 

Lucie bietet von sich aus schon so viel an, dass ich sie nicht überfordern möchte. Wir bekommen Anweisungen für die weitere Entwicklung, bis hin zur Piaffe und Passage am langen Zügel. Spanischer Schritt ist im Ansatz vorhanden, Lucie soll nun noch lernen, es nur zu zeigen, wenn sie dazu aufgefordert wird. Auffällig ist der Einsatz von Stimmen, auf die alle Pferde reagieren. Auf Außenstehende mag das den Eindruck bloßer Dressur erwecken, aber wer genau beobachtet, erkennt, welches Pferd konzentriert dabei ist und gar nicht auf diese Signale anderer reagiert. Gibt Johanna ihrem Spanier den Ton für Spanischen Schritt vor und Florentine ihrem PRE das Schnalzen für Passage oder Piaffe, zeigt sich, welches Pferd sich ablenken lässt und welches nicht.
Wie wichtig ein Austausch auf theoretischem Parkett ist, zeigt die Möglichkeit, nach gelungener Lektion Fragen zu stellen. Angesichts von Travers und Renvers vergleiche ich Viereck verkleinern und vergrößern mit dem, was ich hier mache: „Müsste ich nicht
beim Viereck vergrößern den Kopf wie beim Renvers stellen?“. Der Hofreitmeister nickt, das ist einer der Unterschiede zur Dressur in englischer Reitweise. Er lässt mich die Lektionen zu Fuß selbst „traben“ oder „schreiten“. So wird mir bewusst, was Lucie körperlich leistet, wenn sie Seitengänge übt.

 

Situation der Hofreitschule Bückeburg im Lockdown


Über die Autorin:

Karola Bady

Pferde spielen eine wichtige Rolle im Leben der Redakteurin, die für die Schaumburger Zeitung, der DWZ in Hameln und Sport BILD gearbeitet hat.Seit der Jahrtausendwende ist Karola Bady Tierpsychologin für Pferde und bietet auf ihrem Hof in Oldendorf bei Himmelpforten, Kurse und Seminare rund um die Verhaltenskunde der Pferde an. Außerdem finden hier kranke und psychisch auffällige Pferde ein Team von Experten, die sich um das Wohlergehen der Vierbeiner kümmern.

Mehr Infos unter www.pferde-auf-die-couch.de

 

 

 

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