Pferde und Musik – Gehörstrapaze oder Ohrenschmaus?

Pferdeverhalten | Rebecca | 12.02.2018

Menschen und Musik – eine unzertrennliche Verbindung

Im Leben des Menschen spielt die Musik seit jeher, bewusst und/oder unbewusst, eine prägende Rolle.

Man findet sie in der Entwicklung geschichtlicher Epochen, sie ist so vielfältig wie kein anderes Medium, wird von einfachen Dschungelvölkern für Rituale verwendet, vertritt als Hymne ganze Nationen, füllt Opernhäuser und Konzertsäle. Musik vereint die Menschen, z.B. im Orchester oder Chor, beeinflusst sie in der Werbung und berührt, erschreckt oder erschüttert sie in der Filmbranche. Durch musikalische Früherziehung werden psychomotorische Fähigkeiten und Fertigkeiten trainiert. Sind wir glücklich, traurig oder wütend hören wir die passenden Lieder. Und aus einer schier endlosen Auswahl an sich ständig ändernden Titeln und Interpreten in Allerweltssprachen hat man die Qual der Wahl.

Musik in der Reiterwelt

Musik ist nahezu allgegenwärtig und so bleibt es nicht aus, dass sie auch unter Reitern eine Rolle spielt. Man hört Musik in Stallgassen, Reithallen, auf Turnieren, Messen und Pferdeshows. Laute und leise Klänge, schnelle und langsame Rhythmen. In der Dressurkür begleitet sie das reiterliche Können auf höchstes Niveau.

Da kommt zwangsläufig irgendwann die Frage auf: Was sagen denn unsere Pferde zu dieser für sie eigentlich so unnatürlichen Beschallung? Gewöhnen sie sich daran, finden sie vielleicht sogar Gefallen an dem ein oder anderen Stück, gibt es so etwas wie tierischen Musikgeschmack oder sind unsere vierbeinigen Freunde von dem Gedudel total genervt?

Sind Pferde musikalisch?

Hört man sich unter den Reitern um, kann man keinen eindeutigen Tenor finden, was die Reaktion von Pferden auf Musik angeht. Die Aussagen reichen von Tieren, die aufmerksam zuhören über solche, die sich offenbar gestört fühlen bis zu einer Mehrheit von Pferden, bei denen keine eindeutige Reaktion zu erkennen ist.
 

Der Einfluss von Musik auf den Gemütszustand von Pferden

Auch die Wissenschaft hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Iim Jahr 2015, haben polnische Forscher versucht herauszufinden, wie sich Musik auf Wohlbefinden und Gemütszustand von Pferden auswirkt. Sie haben 70 Rennpferde, Vollblutaraber im Alter von drei Jahren, in zwei Gruppen aufgeteilt. Der Untersuchungsgruppe von 40 Pferden wurde jeden Nachmittag 5 Stunden lang melodische Musik vorgespielt. Sechs Mal erfolgten im Abstand von ca. 30 Tagen Messungen der Herzaktivität der Tiere in Ruhepausen, beim Satteln und unter dem Reiter. Zudem wurden die Leistungen der Pferde anhand ihrer Rennergebnisse analysiert, ausgewertet und mit den 3 Pferden der Kontrollgruppe verglichen, die keine Musik zu hören bekommen hatten. Bereits nach einem Monat waren in der Untersuchungsgruppe ein deutlicher Entspannungs-Effekt und eine niedrigere Herzschlagrate nachweisbar als in der Kontrollgruppe. Ergebnisse, die sich nach zwei und drei Monaten noch verbesserten. Zudem erreichten die Musik hörenden Pferde bessere Platzierungen in ihren Rennen. Interessant war auch, dass sich dieser Effekt wieder abschwächte, was die Forscher darauf zurückführten, dass sich die Pferde an die Musik gewöhnt hatten.

Sie kamen also zu dem Ergebnis, dass eine musikalische Begleitung das Wohlbefinden von Pferden nachweislich steigern und zum Beispiel als gezielt eingesetzte Trainingshilfe über zwei bis drei Monate sehr effektiv sein kann.

(Quellennachweis: Anna Stachurska, Iwona Janczarek, Izabela Wilk, Witold Kędzierski: Does music influence emotional state in race horses? Journal of Equine Veterinary Science (2015) 35, pp 650–656)

 

Musik als Stresshemmer?

Im Jahr 2012 wurde an der Universität von Queensland eine Studie durchgeführt, die den Einfluss von Musik auf Pferde in Stresssituationen beleuchtete. Forschungsobjekte waren zwölf Absetzer, die gemeinsam aufgezogen und nach Temperament in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Den Gruppen wurde in verschiedenen Konstellationen, gemeinsam oder getrennt und über verschiedene Zeiträume hinweg, jeweils 6 Stunden am Stück das Hauptthema des Films „Forrest Gump“ von Alan Silvestri vorgespielt. Die Fosrcher hatten dieses Stück aufgrund seines gleichmäßigen Rhythmus und der harmonischen Melodien ausgewählt.

Erste Messergebnisse zeigten keinen Einfluss der Musik auf die durchschnittliche Herzrate der Pferde, aber dafür eine Verringerung in den Schwankungen der Herzfrequenz. Zudem ergaben Verhaltensbeobachtungen, dass die Absetzer während der musikalischen „Berieselung“ entspannter waren, mehr Zeit mit Fressen verbrachten und weniger herumgingen.

Stressreaktionen führten die Wissenschaftler herbei, indem sie die jungen Pferde zwei Mal wöchentlich in den Hengststall brachten. So konnten sie herausfinden, dass ein Abspielen der Musik in einer solchen Situation dazu führte, dass die höchste Herzschlagrate deutlich niedriger und die Dauer der erhöhten Herzrate kürzer war.

Im Endergebnis konnten die Forscher mit ihrer Studie nicht nur nachweisen, dass Musik Pferde entspannen kann, sondern auch, dass sie sich positiv auf Stresssituationen auswirken kann.

(Quellennachweis: ME Wilson, CJC Phillips, AT Lisle, ST Anderson, WL Bryden, AJ Cawdell-Smith: Stress responses in young, stabled horses can be modified by music. Proc. Australasian Equine Science Symposium, 2012, p45)


Haben Pferde einen Musikgeschmack?

Die Britin Clare Carter, Pferdewissenschafts-Studentin am Hartpury College in Gloucester, ging noch einen Schritt weiter. Sie untersuchte im Jahr 2012, ob Pferde bestimmte musikalische Vorlieben haben, wie sich dies erkennbar macht und, ob es Musik gibt, die die Tiere nicht mögen.

In ihrer Studie spielte Carter acht Vollblut-Wallachen vier verschiedene Musikrichtungen vor. Über Zeiträume von drei Stunden wurde alle 30 Minuten unter folgenden Genres gewechselt: klassische Musik (Beethoven), Country (Hank Williams jr.), Jazz (New Stories) und Rock (Green Day). Währenddessen wurden pro Pferd und Musikstück bis zu 120 Verhaltens-Reaktionen dokumentiert, interpretiert und mit dem Verhalten der Pferde verglichen, wenn keine Musik lief.

Das Ergebnis:

Auf klassische und Country-Musik reagierten die Pferde positiv. Sie waren genauso ruhig und aufmerksam wie in der Phase ohne Musik, fraßen jedoch leiser, wenn die Musik lief. Dies sei laut Clare Carter ein Zeichen für Gelassenheit und Wohlbefinden.

Während des Abspielens von Jazz und Rockmusik hingegen zeigten die Pferde typische Stressreaktionen wie Aufstampfen, Kopfschlagen, Schnauben und Wiehern. Sie waren auch während des Fressens deutlich nervöser, schnappten immer wieder unruhig und ruckartig nach ihrem Futter. Verhaltensweisen, die weder bei den anderen Musikrichtungen noch ohne Musik erkennbar waren.

Die negativsten Reaktionen zeigten die Pferde bei Jazzmusik, vermutlich aufgrund des hohen Tempos und der Tonart dieses Genres.

Im Bezug auf die Lautstärke empfiehlt die Studentin, Musik nicht lauter als bis zu max. 21 Dezibel abzuspielen.

Alles in Allem ist es also durchaus sinnvoll darauf zu achten, mit welcher Art von Beschallung wir unseren Vierbeinern zu Leibe rücken.

(Quellennachweis: Carter, C. & Greening, L. (2012) Auditory stimulation of the stabled equine; the effect of different genres of music on behaviour. Oral presentation, poster and published in conference proceedings of the 8th International Equitation Science Conference, Edinburgh, July 2012)

In Anbetracht der hier dargestellten Forschungsergebnisse können wir also getrost weiterhin im Umfeld unserer Pferde Musik genießen, so lange wir darauf achten, dass sich Lautstärke und Rhythmen im Rahmen halten. Also liebe Pferdefreunde, wenn ihr im Stall seid, den Klassiksender im Radio einschalten ;-)

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