Ab in den Norden

Die Plane ist heruntergerollt, zur Sicherheit. Pepper tobt auf dem Anhänger und bringt die linke Wand zum Beben. Der Böckmann hält das aus. Der Händler sagt, ich soll es ignorieren, aber ich weiß, wieso ich die Stute mit dem alten Anhänger hole und nicht mit dem neuen. Zerlegt sie den alten, bin ich gut versichert und der Schaden ist nicht gar so hoch. Ich schaue lieber nach Pepper. Sie ist mit dem rechten Vorderbein über die Stange geraten und hat sich dazu noch mit der Nase im Anbinder verfangen. Während die Enkelin noch das Heunetz befüllt und ich die Quittung unterschreibe, hat sich Pepper minimal beruhigt. Ich denke, wir mögen uns. Die Stute scheint zu bemerken, dass dies hier ihre große Chance sein könnte.

Auf ein Wort
 Thema vermenschlichen: Manchmal suche ich mit Vergleichen ein Bild zu erzeugen, damit der Mensch leichteren Zugang hat zur „Denke des Pferdes“. Ich WEISS selbstverständlich nicht, ob sich ein Pferd beschweren würde, wenn es durch die Ställe weitergereicht wird. Aber ich FÜHLE, dass Pepper ihre Chancen nutzen wird.

Beim Anfahren spüre ich Peppers Gewicht. Sie tritt noch unruhig hin und her, scheint sich rückwärts aufzurollen und will unter der hinteren Stange durchtauchen. Wir fahren um die ersten Kurven auf die Autobahn. Die Stute beruhigt sich und steht brav. Auf dem Rückweg fast schneller als hin, macht der alte Böckmann seine Sache super, obwohl wir nicht mehr Luft auf die Räder pumpen konnten, mangels Luftpumpe an der Tanke in Witzenhausen. Die Servicewüste Deutschland dehnt sich immer weiter aus, auch an Tankstellen.

Das Abladen ist gar kein Problem, Pepper steht ruhig, bis alles bereit ist. Die kleine Herde wird schnell noch auf die hintere Weide gelassen. Pepper geht durch die große Scheune in ihren „Obsthof“, die Quarantänefläche. Dort habe ich vor den Holzzaun zur Sicherheit noch eine Litze gezogen, um zur Not Hausstrom einschalten zu können. Dickes Pferd, dicke Volts. Das Holz ist an vielen Stellen sanierungsbedürftig, Schwachstellen habe ich schon geflickt mit Riegeln und Litze zusätzlich, mit Stangen und Tor.

Zur Straße und zu den Nachbarn hin sichert als drittes Modul ein Maschendrahtzaun die äußere Grenze. Unter Eichen und Buchen findet Pepper Schutz vor Sonne oder Ostwind. Sie schaut sich um, lässt ihr kräftiges Organ hören, läuft etwas hin und her, wälzt sich dann genüsslich. Vermutlich ist sie bereits „angekommen“ und hat verstanden, welche Chance sich hier für sie auftun kann? Sie inspiziert die Wippe! Neugier ist ein großer Helfer.

Plan für die erste Woche (27. Mai 2021)

Wurmkur und Tierarzt (AKU), bis dahin „Quarantäne“ mit Blick auf die Herde

Der Tierarzt versetzt uns (im Raum Göttingen 5-6 Praxen angefragt! AKU 1.700 Euro?)

Eingewöhnungszeit 5-10 Tage

Das Auge rechts eitert etwas / Zugluft? Augentrost äußerlich, als Tee innerlich

Erster Kontakt über das Tor zu Linus und Lucie (Stockmaß beide ca. 1,20 m)

Ponywallach Linus macht Stuten rossig, ALLE auf einmal

Am Sonntag kommt Batida, 22 Jahre, Pepper räumt den Obsthof, eine Tür weiter

Pepper mag Batida nicht? Futterneidisch, sonst aber brav, legt nur die Ohren an

Fussi mit Chef

Während Batida das größere Stück Quarantänefläche besetzt, da sie nach jahrelanger Boxenhaltung mit schwerem Husten gesegnet ist und mehr Laufen soll, hat Pepper den Bereich bekommen, auf dem die Pferdewippe steht. Alles ist mit Holz und mit Litze gut gesichert. Der Holzzaun zum Gartenhaus hält Pepper nicht stand: Sie will mit dem Hofbesitzer Fußball im TV sehen, steht an seinem Fenster und schaut im Dunkeln hinein. Er hat selbst ein Pferd, die 22 jährige Trakehnerstute mit Oldenburger Brand, aber statt nun Pepper zurück in ihr Areal zu bringen, stolpert er über den langen Flur zu mir und setzt den Notruf ab: „Da steht was Großes vor meinem Fenster“. Das fängt ja gut an…

Nach ein paar Tagen Eingewöhnungszeit, in denen ich Pepper beobachte und mir notiere, was ich sehe, fühle und höre, suche ich im Stall nach einem passenden Halfter. Sonst sind meine vierbeinigen Klienten eher Blüter oder Warmblüter, aber der Pferdeopa Grizou, ein M-Springpferd mit Stockmaß 1,76 Meter, das Halfter passt Pepper! Das Führen klappt prima, Hufe raspeln auch, erst links, beide, dann rechts, beide. Was war noch gleich das Problem?

Auf ein Wort:
Bitte beim Anfordern zum Hufe geben das Bein nicht einfach aufnehmen oder mit „Gewalt“ wegreißen! Pepper muss sich erst sortieren, gibt dann aber brav alle vier. Sie steht viel zu hoch und hat links hinten eine extrem schiefe Hinterwand. Sie sucht noch ihre Balance.

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